Wie ein stürmischer Wildbach

Die Entwicklung des Kultes Unserer Lieben Frau von Fátima

Schon lange bevor sich die kirchliche Obrigkeit in der ersten Zeit nach den Erscheinungen zum Anwalt Unserer Lieben Frau von Fátima machte, von dem Tage an, da die bischöfliche Behörde die Verordnung aufgehoben hatte, die es dem Klerus verbot, an den Veranstaltungen in der Cova da Iria teilzunehmen, hatte der Zustrom der Pilger geradezu phantastische Ausmaße angenommen.

In den Wintermonaten tritt natürlich eine gewisse Stockung ein; es kommen etwa 2000, 3000, 5000 Wallfahrer an den Gnadenort. Man muss bedenken, dass die Verkehrsverhältnisse bisher noch recht ungünstig sind, da die nächsten Bahnstationen in der Ebene liegen, fünfzehn oder sechzehn Kilometer von der Cova da Iria entfernt. Und im steinigen Gelände fehlt Bequemlichkeit; nicht einmal eine Unterkunft für die Nacht ist zu finden. Im übrigen geht man nach Fátima nur „um zu beten, um Buße zu tun, um von der heiligsten Jungfrau die geistige und Physische Heilung der an Leib und Seele Kranken zu erbitten“, wie es in der Regel des Handbuches für Fátima-Pilger heißt. Wer in andere Gesinnung hinginge, nicht als Pilger, sondern als Vergnügungsreisender,  der hätte eine große Enttäuschung zu gewärtigen.

In der guten Jahreszeit steigt die Zahl der Wallfahrer auf 100.00, ja 150.000 bis 200.000 Personen, die bei den Landeswallfahrten im Mai und Oktober alljährlich zusammenströmen.

Ein deutscher Wissenschaftler, Dr. Ludwig Fischer († 3. Januar 1957), Geschichtsprofessor an der Hochschule von Bamberg, der am 13. Mai 1929 mit eigenen Augen die Menge sah, schreibt voll Staunen:

„Ich  glaube, dieses Schauspiel ist einzig in der Welt, ich wohnte im Jahre 1925 der Heiligsprechung der kleinen Theresia vom Kinde Jesu bei, wo in St. Peter in Rom an 80.000 Menschen versammelt waren. Doch was war das im Vergleich zu diesen Volksmassen hier, die voll ds Opfergeistes für die allerseligste Jungfrau sind, voll des Glaubens an das allerheiligste Sakrament!“

Ein anderer Augenzeuge, P. Luigi Gonzaga Labral S.J., der an der Wallfahrt vom 13. Mai 1930 als offizieller Prediger teilnahm, schrieb über seine Eindrücke an einen Freund:

„Was ich dort sah, übertraf bei weitem meine Vorstellung. Ich glaube, menschliche Worte, seien es geschriebene oder gesprochene, können niemals die Gefühle wiedergeben, die einen dort überwältigen. Das muss man selbst erleben! . . .

Ich hatte kurz vorher das Buch von Dr. Fischer, Fátima, das portugiesische Lourdes, gelesen. Es ist das ein bemerkenswertes Buch, wohl das beste,  was bisher über diesen Gegenstand veröffentlicht wurde . . .  Aber nachdem ich dort gewesen bin, muss ich bekennen: Der Eindruck, den die Lektüre jenes Buches in mir hervorgerufen hatte, war nichts im Vergleich zu dem, was ich dort sah.

Der Unterschied beginnt bei dem Vergleich, den der Titel nahelegt: Fátima, das portugiesische Lourdes. Ich bin mehrere Male in Lourdes gewesen, ich war auch in Rom an einem Tage größten Zustromes. Nun, ich erkläre, dass ich mir weder in der einen noch in der anderen Stadt eine Vorstellung von dem machen konnte, was ich dann in Fátima sah.

Ich will bei der Menschenmenge beginnen: Wie kann man die in Fátima mit jener von Lourdes vergleichen? In Fátima spielt der Umstand eine große Rolle, dass sich  die großen Pilgerzüge, vor allem am 13. jeden Monats, besonders im Mai und Oktober, in der Cova da Iria einfinden, und dieses Schauspiel wiederholt sich jedes Jahr, ohne Verminderung, ohne Ermüdung, im Gegenteil, stets wachsend. An einem Tage hatte ich mehr als 260.000 Menschen vor mir, vielleicht 300.000.“

Ähnliche Eindrücke empfing Msgr. Beda Cardinale – damals Apostolischer Nuntius in Lissabon – , der am 13. Mai 1932 die Landeswallfahrt nach Fátima leitete; er schrieb:

„Ich gestehe aufrichtig, dass ich niemals einem ähnlichen Schauspiel beigewohnt habe wie dem, das sich mir am 13. dieses Monats in Fátima bot.

Diese ungeheure Menschenmenge, die in unbeschreiblicher Glut des Glaubens und der Liebe der Jungfrau-Mutter zujubeln, in der alle sozialen Unterschiede verschwinden, weil sich alle als Kinder Mariens  fühlen und alle vereint sind, um sie  anzurufen und zu ehren: das ist etwas, was zu Tränen rührt, was einen tiefen, unvergesslichen Eindruck auf die Seele macht.

In Fátima gibt es nichts, was natürlicherweise anziehen könnte. Die Wallfahrt ist ein wirkliches Opfer. Und doch wächst die Zahl der Pilger ständig. Es ist eine innere Macht, die sie an diesen Gnadenort zieht, wo die Jungfrau-Mutter ihre Gunsterweise austeilt, wo unzählige Seelen zu Gott zurückfinden, wo jeder seelische Kraft schöpft, die den Willen erneuert und stärkt und die Beharrlichkeit in der Übung christlicher Tugend sichert.

Fátima ist ein wahrer Segen für Portugal. Und ich bin überzeugt, dass Maria diese Nation, deren tausendjährige Geschichte so viele Blätter wahrhaft christlicher Ruhmestaten aufweist, stets beschützen und aus den schrecklichen Gefahren, die die ganze menschliche Gesellschaft bedrohen, erretten wird.

Lissabon, den 16. Mai 1932 – + Joannes Beda Cardinale – Apostolischer Nuntius“

Quelle: P. Luiz Gonzaga da Fonseca: „Maria spricht zur Welt“. Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien-München, 15. Auflage, 1963. S 236 ff.