Über die Fasttage

Fasttage sind jene Tage, an
welche die Kirche gebietet, entweder durch Enthaltung von Fleischspeisen, oder
zugleich durch nur einmalige Sättigung den Leib zu züchtigen und Gott ei Opfer
der Abtötung zu bringen. Jene Tage, an welchen nur das Fleischessen verboten
ist, heißen Abstinenztage, jene aber, an denen man zugleich mit einer einzigen
Sättigung sich zu begnügen hat, gebotene Fasttage.
Die Kirche, zur Mutter der
Gläubigen bestellt und zugleich durch den Beistand des Heiligen Geistes
geleitet, kann auch Fasttage einsetzen, wenn sie solche  für das Wohl der Gläubigen nützlich erachtet.
Der natürliche Mensch fastet
nicht gerne, darum hat man allerlei Einwände 
gegen das Fasten erfunden. Man sagt:
1. „Das Fasten ist kein Gebot
Gottes.“ — Aber es ist ein Gebot der Kirche, und die Kirche ist Gottes Stellvertreterin.
„Wer die Kirche nicht hört, ist wie ein Heide.“ (Mt 18,17)
2. „Was zum Munde eingeht,
verunreinigt den Menschen nicht, sondern was zum Munde ausgeht.“ (Mt 15,11) Ja,
die Speise macht die Seele nicht unrein, wohl aber der Ungehorsam gegen Gott
und die Kirche, der aus dem Herzen kommt.
3. „Das Fasten hat keinen Zweck.“
— Ein bloß äußerliches scheinheiliges Fasten allerdings nicht, aber ein solches
will Gott nicht. Das rechte Fasten aber ist:
    Ein
Mittel zur Beherrschung der Sinnlichkeit, zur Bändigung der Leidenschaften.
    Es erleichter die Andacht, das Gebet, die
Betrachtung, die Geistestätigkeit.
    Es ist ein Werk der Selbstbeherrschung und
Selbstverleugnung.
    Es ist eine Übung des Gehorsams gegen Gott
und seine Kirche; ein Werk der Buße und Genugtuung für die Sünden der
Sinnlichkeit; es hilft  uns zu Mitteln,
Werke der Barmherzigkeit zu üben; es gehört wesentlich zur Nachfolge Jesu und
seiner Heiligen, denn Christus und die Heiligen haben gefastet; und es übt auch
den wohltätigsten Eimfluss auf den Körper, wie alle einsichtigen Ärzte und die
Erfahrung bezeugen.
Dispensen vom Fasten
Es ist eine Unwahrheit, dass man
mit Geld Fastendispensen erlangen kann. Die Kirche verwandelt das Fasten, das
jemand nicht halten kann, in ein anderes gutes Werk, z.B. in ein Almosen, das
aber niemand dem dispensierenden Priester zu geben braucht, wenn er nicht will.
Beim Fasten sollte man folgende
Absichten haben:
1. Die Meinung, Jesu nachzufolgen
und den Wert seines Fastens und Leidens sich anzueignen.
2. Die Absicht, der Heiligen
Katholischen Kirche den schuldigen Gehorsam zu leisten.
3.Den Leib durch die Abtötung
Gott zu einem wohlgefälligen Opfer zu machen.
4. Für die Sünden Genugtuung zu
leisten.
Quelle: „Unterricht von den heiligen Tagen – III. Von den
Fasttagen“, in Katholische Handpostille
von R. P. Leonhard Goffine, Verlagsanstalt Benziger & Co. K.G. Einssiedeln.
Vermutlich 1896, S. 9ff.