Ostern

Christ ist erstanden
   „Fest der Feste“ nannte. schon das
christliche Altertum das Osterfest. „Unter allen Tagen, welche die christliche
Frömmigkeit in Ehren hält, ist keiner ausgezeichneter als der des Osterfestes,
durch das alle Feste in der Kirche Gottes ihre Würde und Weihe erhalten“ (Leo
der Große), und das sie übertrifft „wie die Sonne die Sterne überstrahlt“ (Gregor
von Nazianz).So lieblich auch Weihnachten ist mit seinem innigen Krippenzauber,
so sehr auch Pfingsten mit seinem prangenden Blütenschmuck und dem gnadenvollen
Walten des Heiligen Geistes das Herz erfreut, so hoch das Fronleichnamsfest mit
seiner majestätischen Prozession begeistert – das für unseren Glauben
bedeutungsvollste Fest ist doch Ostern. Es ist der Mittelpunkt des ganzen
Kirchenjahres, die Sonne inmitten der Gestirne, die Krone aller Tage, ein
Triumphtag, wie er im Laufe des Jahres nicht wiederkehrt. Das Geheimnis des
Osterfestes, die glorreiche Auferstehung Christi, gibt ja unserem Glauben
Fundament und Vollendung. „Ist Christus nicht erstanden, so ist unsere Predigt
eitel, eitel ist auch euer Glaube, denn ihr seid noch in euren Sünden“ (1. Kor
15,13)

   Das Glück und die Seligkeit des Ostertages
ist so übermächtig, dass auch die Natur an ihr teilnimmt. Nach altem
Volksglauben hüpft die Sonne am Ostermorgen beim Aufgehen dreimal vor Freude –
vor Freude über die Auferstehung des Herrn, der durch seinen Erlösungstod
selbst zur Ostersonne der Menschheit geworden ist.
   Bis heute nicht ganz aufgeklärt ist die
Herkunft des Namens „Ostern“. Meist leitet man das Wort von einer Göttin Ostara
oder Eostra ab, die als Gottheit der strahlenden Morgenröte und des aufgehenden
Lichtes gedacht wurde. Man stützt sich dabei auf den. Schriftsteller Beda
Venerabilis († 735), welcher sagt: „Der Eastermonat, welcher jetzt Ostermonat
genannt wird, hatte früher seinen Namen von einer angelsächsischen Göttin; die
Eostra genannt wurde und der sie in jenem Monat Feste feierten.“
   Doch lässt sich in der Überlieferung des
Altertums keine Spur von einer Göttin Ostara finden. Man suchte daher nach
einer anderen Erklärung für Ostern und kam darauf, es von dem altdeutschen Wort
„Ursten“, d. h. Auferstehen, abzuleiten. Viel Anklang fand in neuerer Zeit die
Anschauung eines Gelehrten, dass Ostern von austar, d.i. Osten, abzuleiten sei.
So sind z.B. auch unter Osterode, Westerode, Suderode nichts anderes als Orte
zu verstehen, die im Osten, Westen und Süden liegen. Ähnliches gilt von den Eigennamen
Ostermann, Osterried, Ostertag, Westermann, Sudermann usw. Das Osterfest würde
also nach dieser Anschauung bedeuten: Fest des Ostens, Fest des Sonnenaufgangs.
Dabei lässt sich schön an den Heiland denken, der am Auferstehungsmorgen gleich
der strahlenden Sonne aus dem Grabesdunkel hervorging, wie auch alte Kirchenlieder
gern das Bild von der Sonne gebrauchen, z.B.:
Die ganze Welt, Herr Jesu
Christ,
Zu deiner Urständ fröhlich
ist.
Der Sonnenschein jetzt kommt
herein
Und gibt der Welt ein’n
neuen Schein…
   Unsere Altvordern stiegen am Ostermorgen vor
Dämmerung auf die Höhen und begrüßten jubelnd die aufgehende Sonne. Große
Holzstöße wurden auf den Berggipfeln entzündet und weithin loderten die
freudigen Osterfeuer. Vielenorts wurden die Osterfeuer erst in der Nacht des
Ostertages angezündet. Ähnlich wie am Funkensonntag sammelte die Jugend mit dem
Rufe: „Die Kirch ist aus, gebt’s Osterholz raus!“ in allen Häusern Holz und
altes Gerümpel, um droben auf einer Höhe vor dem Dorf den Holzstoß zu
schichten, der nach Einbruch der Dunkelheit in Brand gesetzt wurde. Um das Osterfeuer
wurde gesprungen und getanzt, man warf Blumen und Heilkräuter in die Flammen,
um Gesundheit zu sichern und Fruchtbarkeit im kommenden Sommer zu erzielen.
Daneben wurden die mitgebrachten Osterfladen verzehrt. In manchen Gegenden
konnte man 50 bis 60 Osterfeuer im Umkreis auf den Höhen lodern sehen. Da galt nun
der Glaube: Wer recht viele Osterfeuer zählen kann, bleibt das ganze Jahr
gesund; wer keines sieht, stirbt bald. Es ist begreiflich, dass nun die
Gebrechlichen und Kranken, die ans Stüblein gefesselt waren, mühsam ans Fenster
humpelten, um Ausschau nach den glückbringenden Feuern zu halten.
   Die Osterfeuer waren schon vor Einführung
des Christentums in Deutschland üblich. Die christlichen Missionäre nahmen sie
in den Dienst der Kirche auf und ließen sie den Gläubigen predigen, dass Jesus
Christus, das himmlische Licht und Feuer, das am Karfreitag erloschen schien,
am Ostermorgen nur um so heller wieder aufleuchtete.
   Außer dem Feuer spielt an Ostern, dem großen
Auferstehungsfest der Natur, selbstverständlich auch das von den Fesseln des
Eises befreite Wasser eine bedeutsame Rolle. Das Schöpfen des „Osterwassers“ ist
ein uralter Brauch. In der Osternacht zwischen 11 und 12 Uhr, in manchen
Gegenden auch vor Sonnenaufgang, gingen früher junge Mädchen an Bach oder Fluss
und wuschen sich Antlitz und Hände. Sie schöpften auch Wasser und trugen es
behutsam, „unbeschrien“, nach Hause. Das Osterwasser galt als heilsam und
segenbringend. Damit es wirken sollte, durfte auf dem Wege nicht gesprochen werden
und musste das Wasser nicht gegen, sondern mit dem Strom geschöpft werden. Beim
Schöpfen wurde hie und da der Vers gesprochen:
Dieses Wasser schöpf ich,
Christi Blut anbet‘ ich.
Dieses Wasser und Christi
Blut
Sind für allen Schaden
gut.
    Die katholische Kirche,
die, soweit tunlich, immer altererbten Sitten Rechnung trägt, verlegte nicht
nur die Segnung des Feuers, sondern auch die feierliche Weihe des Wassers auf
den Vorabend des Osterfestes. In der griechischen Kirche wird zu Ostern alles Wasser
geweiht.
   Wenn die Natur sich erneuert, darf auch der
Mensch nicht in alter Hülle steckenbleiben. Daher die auf dem Lande früher
weitverbreitete Sitte, an Ostern in neuer Kleidung zur Kirche zu kommen. Wer
das versäumt, erhält z.B. in der Schweiz den Spottnamen „Osterkälbli“.
   Vielfach werden am Osterfest Speisen
geweiht. In einem linnenbeschlagenen Körbchen trägt man die üblichen
Osterspeisen in die Kirche: ein Stück Osterkuchen, Schinken oder Rauchfleisch,
Ostereier und Salz. Inmitten der Speisen thront ein Osterlamm aus Feingebäck
mit der Siegesfahne. Nach dem Gottesdienst erhält jedes Familienglied ein geweihtes
Ei und ein Stück von den übrigen geweihten Speisen. Der Brauch der Speisenweihe
verdankt wohl sein Entstehen dem Umstand, dass nach strenger, kirchlicher
Fastenübung Fleisch und Eier während der ganzen Fastenzeit nicht genossen
werden durften. Nach dieser langen Unterbrechung wollte man diese Speisen
gleichsam aus der Hand der Kirche, durch ihren Segen geheiligt, wieder
empfangen. Das Ei ist zugleich ein Sinnbild des Lebens und des auferstandenen
Heilandes. Wie das junge Hühnchen die steinige Schale des Eis sprengt und ans
Tageslicht tritt, so sprengte der Erlöser die Fesseln des sorgfältig
verschlossenen Steingrabes und erstand glorreich zu neuem Leben.
   Nach der Auffassung der Kinder ist es der
Hase, der die Ostereier bringt. Im Garten richten sie sorgfältig mit Moos und
Laub bedeckte Rutenbögen als Nestchen für den Osterhasen zurecht und locken:
Osterhas, leg mir was!
Leg mir ein Ei
Ins Nestlein von Heu!
Eins, zwei, drei!
Wie der Kinderglaube vom
Osterhasen entstanden ist, ist nicht genügend aufgeklärt. Statt aller
künstlichen Erklärungsversuche der Gelehrten dürfte die Deutung in Wirklichkeit
sehr einfach sein: Wenn um die österliche Zeit herum das laue Frühlingswetter
einsetzt, tummeln sich viele Tiere in ausgelassener Lust. Das kann man
besonders bei den Hasen beobachten, die wegen der Schonzeit von keinem Jäger
belästigt, sich bis an die Dorfgärten heranwagen. Da lag es nahe, dass die
Kinder beim Anblick der auf den Wiesen sich tummelnden Hasen auf den Gedanken
kamen, sie wären es, welche die im Gras der Wiesen und Gärten von den Eltern
versteckten Ostereier legten. Vom Land drang nach und nach diese Vorstellung
auch in die Stadt.
   Die bunten Ostereier werden zu mannigfachem
Spiel benützt. Am verbreitetsten ist das Eierpicken. Man stößt die Eier „Spitz
auf Spitz“ oder „Kopf auf Kopf“. Wessen Ei beim Zusammenstoßen heil bleibt, der
hat gewonnen. Beim „Eierschupfen“ oder Eierwerfen wird das Ei in die Höhe „geschupft“
und muss mit der Hand wie ein Ball wieder aufgefangen werden. Wenn das nicht
gelingt, ist das Ei an den Mitspielenden verloren. Oder man lässt Eier einen
Wiesenhang hinabrollen; wessen Ei am weitesten läuft, ohne zu zerbrechen,
gewinnt. In manchen bayerischen Gegenden kennen die Burschen den Brauch des „Eierlaufens“.
Auf einem Platz werden in gleichmäßigen Abständen die im Dorf gesammelten Eier
ausgelegt. Ein Bursche erhält ein rohes Eis, das er an einen fernen, allen
Zuschauern sichtbaren Platz zu tragen und dort zu zerschellen hat. Ein anderer
muss unterdessen die ausgelegten Eier unbeschädigt zusammenlesen. Gelingt ihm
das, ehe der Mitspieler zurückkommt, ist er Sieger und zechfrei. Die
gesammelten Eier werden am Abend von der Dorfwirtin zu einem riesigen „Eierschmalz“
für die Burschenschaft in die Pfanne geschlagen.
Quelle: Kirche und Leben – Alphons Maria Rathgeber –
Verlag Albert Pröpster – Kempten im Allgäu, 1956.