Mich als dein Kind anzusehen

Wenn ich dein Leben betrachte, wie es da Evangelium beschreibt, wage ich es dich anzuschauen und mich dir zu nähern; dann fällt es mir nicht schwer, mich als dein Kind anzusehen, denn hier sehe ich dich sterblich und leidend wie mich selbst.

Ich liebe dich, und ich nenne dich die kleine Magd dieses Gottes, den du durch deine Demut entzückst. Diese große Tugend macht dich allmächtig; sie zieht die Heilige Dreifaltigkeit in dein Herz. Der Geist der Liebe überschattet dich, und der Sohn, dem Vater wesensgleich, nimmt in dir Fleisch an . . .

O Maria, du weißt es: Trotz meiner Kleinheit besitze ich wie du in mir den Allmächtigen. Doch wenn ich meine Schwäche sehe, zittere ich nicht, denn der Reichtum der Nutter gehört auch dem Kind . . . Ich bin dein Kind, o vielgeliebte Mutter! Deine Tugenden, deine Liebe, gehören sie nicht auch mir?

Du zeigst mir, dass es nicht unmöglich ist, auf deinen Spuren zu wandeln, du Königin der Auserwählten! Du hast uns den schmalen Weg zum Himmel gezeigt, indem du stets die schlichten Tugenden übtest. Maria, wenn ich bei dir bin, freut es mich, klein zu bleiben; denn ich sehe die Eitelkeit der großen Dinge.

Bald werde ich dich im Himmel schauen. Du, die du am Morgen meines Lebens kamst, um mir zuzulächeln, komm, Mutter, sieh der Abend ist da! Ich fürchte nicht den Glanz deiner Herrlichkeit, habe ich doch mit dir gelitten . . .Nunmehr will ich es auf den Knien singen, warum ich dich liebe, und auf immer wiederholen, dass ich dein Kind bin. –

Therese von Lisieux, + 1897

Quelle: Seine Mutter – unsere Schwester – Maria kennenlernen mit Gebeten aus zwei Jahrtausenden – Hrsg.: Wolfgang Bader – Verlag neue Stadt – München – Zürich – Wien