Mater Dolorosa! – Stabat Mater.

DAS TRAUERLIED — STABAT MATER.

Dem mittelalterlichen Gebet „Stabat mater“, lange stiefmütterlich behandelt, wuchs gerade im 19. Jahrhundert eine große Popularität zu, als mit der „Industriellen Revolution“ eine neue Unsicherheit in Arbeits- und Familienleben Einzug hielt – ähnlich wie dies heutzutage durch die „Digitale Revolution“ geschieht.

Die Maschine entwertete traditionelle menschliche Arbeit und stürzte viele Familienernährer ins Elend. Neue Ideen der Aufklärung, die im Gefolge der Französischen Revolution bis in die letzten Winkel Europas sich ausbreiteten, setzten das christliche Familienideal unter Druck. Um in dieser aus den Fugen geratenden Welt noch Halt zu finden, antworteten viele Gläubige darauf mit einer noch stärkeren Hinwendung zu Gott.  Das Leid an der hoffnungslosen Welt konnten sie nur noch ertragen als Teilhabende am himmlischen Leid.

Die Gottesmutter Maria leidet die in ihrer mütterlichen Fürsorge unermesslich an dem Verlust ihres Sohnes – und bewahrt doch Haltung. Dies gelingt ihr, weil sie sich in der Ewigkeit des Jenseits aufgehoben fühlt und gewiss ist, dass auch sie dereinst dort aufgenommen wird.

Die beruhigende und Hoffnung weckende Kraft des Gebetes lässt den Leidenden Unvorstellbares aushalten. So paradox es klingt: Erst indem wir uns dem Leid in seiner ganzen Intensität stellen, können wir uns davon lossagen. Lasset uns beten, voller Hingabe, wie die leidende Gottesmutter Maria!

 Mater Dolorosa, von Luis de Morales,um 1570.

Bei dem Kreuz‘ mit nassen Wangen,
Wo ihr lieber Sohn gehangen,
Stand die Mutter in der Pein;
Und in dem beklemmten Herzen
Drangen Trau’r und Todesschmerzen,
Gleich dem Dolche, grausam ein.

O wie kläglich, wie betrübet
Stand des Sohn’s, den sie geliebet,
Auserwählte Mutter da!
Trau’r und Schmerz hat sie befallen,
Da sie in so großen Qualen
Ihren liebsten Jesus sah.

Wer soll bei so harten Peinen
Nicht mit dieser Mutter weinen?
Wer nicht fühlen ihre Noth?
Wer erwäget ohne Schauer
Der verwais’ten Mutter Trauer
Über ihres Sohnes Tod?

Jesus sah sie hart gebunden
Und zerfleischt mit tausend Wunden
Für des Volkes Missethat;
Sah den Sohn verschmäht, verlassen.
Alles Trost’s beraubt erblassen,
Den sie so geliebet hat.

Gib, o Mutter, Quell‘ der Liebe!
Daß ich mich mit dir betrübe;
Mit dir leiden sey mein Lohn.
Gib, daß ich vor Liebe brenne,
Daß mein Herz sich einzig sehne
Nur nach Jesus, deinem Sohn‘.

Drücke deines Sohnes Wunden,
Wie du selbst sie hast empfunden,
Tief in meinem Herzen ein.
Jesus war für mich in Banden,
Hat den Kreuztod ausgestanden:
Theile mit mir Seine Pein.

Laß mich mit dir wahrhaft klagen
Und mit Jesus Mitleid tragen,
Bis mein Geist vom Leibe scheid’t.
Mich zu dir zum Kreuze stellen,
Und im Jammer zugesellen,
Ist nun einzig meine Freud‘.

Jungfrau, Zierde der Jungfrauen,
Du mein Trost und mein Vertrauen!
Sieh, ich bringe dir mein Herz.
Dieses sollen nun zerschneiden
Deines Sohnes Tod und Leiden,
Deine Qualen und dein Schmerz.

Nichts soll mich von Jesus scheiden;
Bei dem Kreuz‘, im Tod‘ und Leiden
Bleib‘ ich Ihm aus Liebe treu.
Daß Er nicht zur Höllenflamme
Mit den Sündern mich verdamme,
Steh‘ mir, milde Jungfrau! bei.

Laß, o Mutter! Gnad‘ mich finden,
Und Verzeihung meiner Sünden
Durch des Sohnes Kreuz und Tod.
Wann die Seel‘ vom Leib‘ wird scheiden,
Ruf“ mich zu den Himmelsfreuden,
Führe mich zu meinem Gott!

Übersetzung des Gebetes aus dem
Lateinischen von Joseph Stark,
Priester an St. Salvator, Augsburg 1849.