Maria kommt ihren Verehrern im Fegfeuer zu Hilfe

Überglücklich sind die Verehrer dieser liebevollsten Mutter; denn nicht allein in dem irdischen Leben empfangen sie ihre Hilfe, sondern auch im Fegfeuer stehen sie unter ihrem Schutz und ihrem Trost. Gerade weil diese Seelen mehr des Trostes bedürfen wegen ihrer Peinen und ihres Unvermögens, sich zu helfen, ist diese Mutter der Barmherzigkeit so sehr besorgt, ihnen zu Hilfe zu kommen. Nach dem heiligen Bernardin von Siena hat Maria, in diesem Kerker der Seelen, der Bräute Jesu Christi, eine besondere Herrschaft und Gewalt, sowohl sie zu trösten, als auch sie aus ihren Peinen zu erlösen: „Beata Virgo in regno  purgatorii dominium habet.“  Was zuerst die Tröstung der armen Seelen betrifft, so wendet der Heilige darauf die Worte des Ecclesiasticus an:

„In fluctibus maris ambulavi“, indem er erklärt: Maria wandelt über die Meeresfluten, nämlich heimsuchend und helfend ihren Verehrer, die ihre Kinder Sind, in ihren Nöten und Qualen. Er nennt die Peinen des Fegfeuers Fluten, weil sie vorüberrauschen, im Unterschied zu den Qualen der Hölle, die nie ein Ende nehmen.

Auch „Fluten des Meeres“, weil sie sehr bitter sind. Ihre von solchen Peinen bedrängten Verehrer besucht und erquickt Maria gar oft.

„Wieviel also liegt daran“, sagt Novaris, „Ein Diener dieser guten Herrin zu sein; denn solange sie in diesen Flammen leiden, kann sie ihrer nicht vergessen. Und wenn schon Maria allen Seelen im Fegfeuer zu Hilfe kommt, so erlangt sie doch ihren Verehrern mehr Straferlasse und Tröstungen.“

Der Heiligen Birgitta offenbarte die Mutter Gottes: „Ich bin die Mutter aller Armen Seelen im Fegfeuer; denn alle Peinen, welche sie durch ihre im Leben begangenen Sünden verdient haben, werden zu jeder Stunde, solange sie dort sind, durch meine Fürbitte mehr oder weniger gemildert.“ Diese liebevolle Mutter verschmäht es auch nicht, dann und wann in dieses heilige Gefängnis zu gehen, um ihre betrübten Kinder durch ihre Gegenwart zu trösten. Der Heilige Bonaventura bezieht die Worte: „Profundum abyssi penetravi – die Tiefen Abgründe habe ich durchdrungen“ –  auf Maria, indem er unter dem Aufgrund das Fegfeuer versteht, wohin Maria zur Tröstung der Armen Seelen sich begibt. „O wie gütig und freundlich ist Maria“, sagt der Heilige Vinzenz Ferreri, „gegen die Armen Seelen im Fegfeuer, indem ohne Aufhören durch ihre Vermittlung ihnen Stärkung und Erleichterung zufließt.“

Und welch anderen Trost gäbe es für sie in diesen Peinen außer Maria und der Hilfe dieser Mutter der Barmherzigkeit? Die Heilige Birgitta vernahm, wie Jesus zu seiner Mutter sprach: „Du bist meine Mutter, du die Mutter der Barmherzigkeit, du der Trost derer die im Fegfeuer sind.“ Und die allerseligste Jungfrau sagte selber der Heiligen Birgitta: „Gleichwie ein armer Kranker, betrübt und verlassen auf seinem Schmerzenslager, Erleichterung fühlt durch einige Worte des Trostes, ebenso fühlen auch jene Armen Seelen sich getröstet, wenn sie nur den Namen Maria hören.“  Ja, der Name Maria allein, ein Name der Hoffnung und des Heiles, den ihre geliebten Kinder aus dem Gefängnis so häufig anrufen, ist für sie eine große Stärkung.  „Und hört diese liebreiche Mutter“, sagt Novaris, „sich von den Armen Seelen angerufen, so bringt sie deren Bitten mit den ihrigen vereint Gott dar, wodurch sie ihnen hilft, daß sie in ihren schrecklichen Fluten wie vom Himmelstau erquickt werden“.

Maria bringt aber ihren Verehrern im Fegfeuer nicht bloß Trost und Hilfe, sondern durch ihre Fürbitte auch Erlösung und Freiheit. Am Tag ihrer glorreichen Himmelfahrt, schreibt Gerson, wurde das ganze Fegfeuer geleert, und Novaris bestätigt unter Anführung gewichtiger Zeugen mit den Worten, daß Maria beim Eintritt in das Paradies sich von ihrem Sohn die Gnade erbat, alle Seelen, welche damals im Fegfeuer waren, mit sich in den Himmel nehmen zu dürfen.

„Seit dieser Zeit“, fährt Gerson fort, „besitzt die allerseligste Jungfrau das Vorrecht, ihre Diener aus diesen Peinen zu befreien.“ Dasselbe behauptet auch ohne Einschränkungen der Heilige Bernhardin von Siena, daß nämlich die allerseligste Jungfrau die Macht besitze, durch ihre Gebete und durch Zuwendung ihrer Verdienste die Seelen und vorzüglich ihrer Verehrer aus dem Fegfeuer zu erlösen.

Daaselbe behauptet Novaris, welche meint, daß um der Verdienste Mariens willen die Peinen der Armen Seelen nicht bloß leichter, sondern auch kürzer gemacht werden, indem durch ihre Vermittlung die Reit ihrer Reinigung abgekürzt werde.“ Es genügt, daß Maria zur Fürbitte geneigt ist.

De Heilige Petrus Damianus berichtet, daß ein Frau namens Marozia nach ihrem Tod einer Freundin erschien und ihr sagte, sie sei am Fest Maria Himmelfahrt nebst so vielen anderen Seelen aus dem Fegfeuer erlöst worden, daß sie die Zahl des römischen Volkes übersteigen. Dasselbe behauptet der Heilige Dionysius, der Kartäuser, auch von den Festen der Geburt und der Auferstehung unseres Herrn, indem er sagt, daß an diesen Tagen Maria in Begleitung von Scharen heiliger Engel in das Fegfeuer hinabsteige und viele Seelen von ihren Peinen erlöse. Novaris ist geneigt, zu glauben, daß dies an jeden höheren Fest der heiligsten Jungfrau der Fall sei,

Bekannt ist die von Maria dem Papst Johannes XXIII. Gegebenen Verheissung, dem sie erschien und den Auftrag gab, daß er allen, welche das heilige Skapullier vom Berge Karmel tragen, zu wissen gebe, daß sie am Samstag nach ihrem Tod aus dem Fegfeuer befreit werden. Der Papst erklärte dies, wie Pater Crasset berichtet, in einer von ihm erlassenen Bulle, welche später von den Päpsten Alexander V., Clemens VII., Pius V., Gregor XIII und Paul V. bestätigt wurde. Letzterer schreibt in die Bulle vom Jahr 1623: „Das Christliche Volk dürfe des frommen Glaubens sein, daß die allerseligste Jungfrau die Seelen der Bruderschaftsmitglieder Mariens vom Berge Karmel durch ihre beständige Fürsprache, durch ihre Verdienste und ihren besonderen Schutz nach dem Tod, namentlich am Samstag, (da dieser Tag von der Kirche der heiligsten Jungfrau geweiht ist) unterstützen werde, wenn sie im Stand der Gnade aus diesem Leben geschieden sind.  Das Skapullier getragen, die standesmäßige Keuschheit beobachtet und die Tagzeiten der allerseligsten Jungfrau gebetet, oder falls sie dies nicht konnten, die kirchlichen Fasttage beobachtet und des mittwochs und samstags (mit Ausnahme von Weihnachten) der Fleischspeisen sich enthalten haben“

Und in den feierliche Tagzeiten vom Fest Maria vom Berge Karmel liest man, daß die heiligste Jungfrau nach einem frommen Glauben die Mitglieder der Bruderschaft vom Berge Karmel im Fegfeuer mit der Zärtlichkeit einer Mutter tröste und sie durch ihre Vermittlung bald in das himmlische Vaterland führe.

Und warum sollen die nämlichen Gnaden und Gunstbezeigungen nicht auch wir erhoffen, wenn wie Verehrer dieser guten Mutter sind? Und  wenn wir mit vorzüglicher Liebe ihr dienen, warum sollten nicht auch wir die Gnade erwarten dürfen, gleich nach dem Tod, ohne Fegfeuer, in den Himmel aufgenommen zu werden?  Damit stimmt auch überein, was die allerseligste Jungfrau dem seligen Gottfried, aus der Abtei Villers in Brabant, durch den Bruder Abundus mit den Worten sagen ließ: „Verkünde dem Bruder Gottfried, er solle voranschreiten in der Tugend, dann werde er mir und meinem Sohn angehören; und wenn seine Seele vom Leib scheiden wird, so werde ich nicht zulassen, daß sie in das Fegfeuer kommt, sondern ich werde sie in Empfang nehmen und meinem Sohn vorstellen.“ Haben wie das Verlangen, den gerechten Seelen im Fegfeuer durch unsere Fürbitten zu Hilfe zu kommen, so müssen wir eifrig sein, die allerseligste Jungfrau in allen unseren Gebeten für sie anzurufen und für sie besonders den heiligen Rosenkranz aufzuopfern, der ihnen einen Großen Trost bringt.

 

Quelle: Die Herrlichkeiten Mariens – Hl. Alfons Maria von Liguori – Bischof und Kirchenlehrer Stifter des Redemptoristenordens