Mariä Himmelfahrt – Hl. Johannes von Damaskus



Die Lade des Neuen Bundes

tritt in den himmlischen Tempel
ein
(vgl. 1 Kön 8; Offb 11,19)
Heute ruht die heilige und lebendige Bundeslade des
lebendigen Gottes, deren Schoß ihren eigenen Schöpfer getragen hatte, im Tempel
des Herrn, des Tempels, der nicht von Menschenhand gebaut wurde. David, ihr
Vorfahre und der Verwandte Gottes, tanzt vor Freude (vgl. 2Sam 7,14); die Engel
tanzen im Chor, die Erzengel klatschen und die Mächte der Himmel besingen ihre
Herrlichkeit… 
Diejenige, die für alle das wahre Leben hat
hervorsprudeln lassen — wie könnte sie unter die Herrschaft des Todes fallen?
Als Tochter des alten Adam unterwirft sie sich natürlich dem Urteilsspruch, der
gegen ihn geschleudert wurde, denn ihr Sohn, der das Leben selber ist, hat sich
ihm nicht entzogen; doch als Mutter des lebendigen Gottes ist es nur recht und
billig, dass sie zu ihm empor getragen wird… Wie soll die, die in sich das
Leben selbst, ohne Anfang und Ende, empfangen hat, nicht in Ewigkeit leben?
Einst waren die ersten Eltern unserer sterblichen Rasse, betrunken vom Wein des
Ungehorsams…, den Geist beschwert durch die Unmäßigkeit der Sünde, in den
Schlaf des Todes gefallen; der Herr hatte sie aus dem Paradies Eden gejagt und
hinausgewiesen. Jetzt aber, wie könnte das Paradies jene nicht aufnehmen, ihr
nicht voller Freude die Tore öffnen, die keine Sünde begangen hat und die das
Kind des Gehorsams dem Gott und Vater gegenüber zur Welt gebracht hat?… Denn
Christus, der das Leben und die Wahrheit ist, hat gesagt: „dort wo ich bin,
wird auch mein Diener sein“ (Joh 12,26), wie sollte mit noch größerer
Berechtigung seine Mutter nicht bei ihm wohnen?… 
Nun also sollen „die Himmel sich freuen“, alle Engel sie
preisen. „Die Erde frohlocke“ (Ps 95,11), die Menschen sollen jubeln vor Freude.
Die Lüfte sollen widerhallen von Freudengesängen; die Nacht soll ihre
Finsternis und ihren Trauermantel abwerfen… Denn die lebendige Stadt des
Herrn, des Gottes der Heerscharen, wurde erhöht. Vom Heiligtum des Sion her
bringen Könige unschätzbare Geschenke dar (vgl. Ps 67,30b); die Apostel, die
Christus als Fürsten über die Erde eingesetzt hat, begleiten die Mutter Gottes,
die Immer-Jungfräuliche, ins himmlische Jerusalem, das frei ist und unsere
Mutter (vgl. Gal 4,26).
Hl. Johannes von Damaskus (um 675-749), Mönch, Theologe
und Kirchenlehrer 
2. Homilie am Fest der „dormitio“, des
Entschlafens der Gottesmutter, 2,3 

EVANGELIUM TAG FÜR TAG , 15 August 2015