Landstreicher und wie ein Fremdling

Der Wind pfeift kalt über die Ebene. Ich suche nach einem Rastplatz, einer geschützten Stelle. Ich halte nach einem Busch Ausschau, der mich gegen die heranstürmenden Windböen schützen könnte. Der Regen hat aufgehört. Schließlich finde ich in einer Kurve hinter dichtem Buschwerk einen Platz, werfe den Rucksack ab und lege mich ins Gras. Meine Füße schmerzen und der Rücken tut weh. Ich bin müde und schlafe ein. Der Platz ist günstig gewählt. Er bietet Schutz vor dem Wind, der heult. Auch kann man mich von hier aus nicht sehen, obwohl Wagen an Wagen vorüberbraust.

Dennoch – ich komme mir wie ein Landstreicher vor oder ein Zigeuner, der sich hinter einer Hecke hinhaut, weil er überall und nirgends zu Hause ist. Der schützende Damm des Nestes ist durchbrochen. Brauchen wir nicht eine Heimat, in der wir zu Hause sind? Als ich das letzte Dorf durchschritten habe, hängen alle Blicke wie eine Neugierde an mir, die mit Mitleid gemischt ist. Das berührt mich seltsam. Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll. Gehöre ich zu den Einsamen, zu den Verlassenen, zu denen, die ruhelos, ohne Ziel und Bestimmung wandern müssen? – Zu den womöglich im Herzen Einsamen und im Herzen Verlassenen?

Die Menschen schauen fremd auf mich. Ich gehöre nicht zu ihnen. Mir ist kein Anteil an ihrem Dorf oder ihrer Familie gegeben. Ich bin für sie ein Fremder, einer, der nicht zu ihnen gehört. Auf mich wartet keine Stube gegen die Hitze, gegen Regen und Wind. Mir bereitet man keine Mahlzeit. Kein Bett wartet auf mich, in dem ich die müden Glieder ausstrecke, um ruhig schlafen zu können.

Ist nicht das Leben selbst eine rastlose Pilgerfahrt, auf der es kein Verschnaufen gibt? Gilt nicht auf ihr das unbedingte Gesetz des Weiterschreitens? Gesichter tauchen auf und verschwinden, und über viele Straßen der Welt wandern unsere müden Füße. Althergebrachtes zerbröckelt. Es liegen Lieder von närrischer Lustigkeit auf den Plätzen. Eine Weile nur tönen diese Songs, dann verstummen sie wieder. Für mich naht ein anderer Tag.

Wie schnell kann in einer Welt des Widerspruchs und der Ideologien ein anderer Tag kommen? Ein Tag mit Weinen, Wehklagen und verzweifeltem Geschrei. Die Augen derer, die gestern noch grölten, weiten sich jäh am Morgen dieses ganz anderen Tages. Sie möchten dem herankommenden Elend ausweichen. Aber das Gesetz des Weiterschreitens wirft sie am Ende in den Zwang, in das Eisen, in brennenden Schmerz oder den Tod.
Gibt es keinen Halt auf dieser rastlosen Pilgerfahrt? Sind wir alle dort mit hineingerissen?

Doch Herr, es gibt auf dieser endlosen Straße zwischen Finsternissen und Lichtstreifen einen Halt, zwischen dem Tun der Sünder und den Bemühungen der Heiligen. Du selbst, Herr, bist dieser Halt, der Du ohne Anfang und ohne Ende in dir ruhst, Du DIE EWIGE HEIMAT! – Aber ich finde dich nicht im Außen, in den mich umstehenden Dingen, die kommen und gehen. – Nein, ich finde dich im Herzen, wo Du zu mir sprichst. Selig der Mensch, der deine Stimme hört! „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Mk 4, 9).

Ich setze den Weg fort. Kilometer um Kilometer tripple ich dahin. Die Beine schmerzen, und die Fußsohlen brennen. Der Rucksack wird zur Bürde.

Nun bin ich wie einer geworden, der kein Haus mehr hat. Dahin wandernd gehöre ich der Straße an, dem Unsteten, der Haltlosigkeit. Die Sesshaften blicken auf den Nichtsesshaften. – Bauern mit Ochsen und zweirädrigen Karren schieben an mir vorüber. Die Straßenpolizei mit schweren Motorrädern saust heran und rattert vorbei. Man nennt sie die „Pareja“, das  „Paar“, weil es immer zwei sind. Sie passieren meinen Weg. Angetan mit schwerem Sturzhelm, bekleidet mit dicker Lederjacke, zugeknöpft bis oben, so fahren sie dahin. Auf der Uniform leuchtet groß und mächtig das Zeichen ihrer Autorität, die Plakette der Straßenpolizei. Ihr Anblick ist furchterregend. Sie schauen aus wie Menschen, die vom Mars herniedergestiegen sind. Wenn sie einen ansprechen, gehorcht man ihnen willenlos. Aber sie sind nur einige von uns. „Kleider machen Leute“. Noch zweimal mache ich Rast, um mein Stundengebet zu sprechen, wie ich es bei meiner Priesterweihe versprochen habe. Dann strenge ich mich an, an das Tagesziel zu gelangen.

 

Quelle: Pilgerfahrt nach Fatima – 1967 – Otto Maier – Reisebericht – Erlebnisse – Gespräche – Überlegungen – Rosenkranz – Die Botschaft von Fatima für unsere Tage