Karfreitag und Ostern gehören unzertrennlich zusammen

Durchs Kreuz zur Auferstehung
   Alexandra Anzerowa schildert in dem
ergreifenden Buch „Aus dem Lande der Stummen“, wie sie als Verbannte auf der
Solovki-Insel im Weißen Meer Ostern feierte:
   „Osternacht! Die Nacht der Auferstehung!
   Der Lagerkommandant hat der hier
gefangengehaltenen Geistlichkeit gestattet, den Gottesdienst zusammen mit den
Mönchen von Solovki in der Friedhofkirche zu feiern.
   Die kleine Kirche ist überfüllt. Viele
Gefangene sind ohne Erlaubnis gekommen, Sie haben sich aus ihren Zellen
fortgestohlen, trotzdem sie genau wissen, dass sie morgen schwer dafür bestraft
werden. Aber was tut das? Heute Nacht sind sie in der Kirche!
   Zwölf Bischöfe verkündeten feierlich die
Frohbotschaft von der Auferstehung des Herrn; Morgen werden sie wieder misshandelte,
verachtete Sklaven sein, aber heute sind sie Kirchenfürsten! Ihre Messgewänder
sind aus Sackleinen, aber kein Opfergottesdienst kann diesem gleichen. Es gibt
weder Goldbrokat, noch juwelenbesetzte Gefäße, weder Weihrauchduft noch
klassische Musik – ärmlich gekleidete Häftlinge verkünden hier ihren
Mitgefangenen die hohe Freude. Der improvisierte Chor besteht aus Sträflingen. Eine
feierliche Prozession bewegt sich langsam um die Kirche herum.
   „Christus ist auferstanden von den Toten“,
jubelt der Chor. „Er hat den Tod besiegt und die Toten auferweckt in den
Gräbern…“
   „Laßt uns Brüder sein und vergeben denen,
die uns hassen, durch seine Auferstehung…“
   Mag das Morgen kommen mit seiner Qual,
seiner Schmach, seiner Verhöhnung und harten Zwangsarbeit… „Christus ist
auferstanden von den Toten …“ Tränen stehen in aller Augen. Freude liegt auf
jedem Antlitz. „Christus ist auferstanden…“
   Haben wir wohl schon jemals mit solch tiefer
Ergriffenheit Ostern gefeiert wie diese gequälten Häftlinge in der bolschewistischen
Hölle? „Christus ist erstanden!“ Wie oft haben wir dieses Wort schon gesagt und
gesungen! Aber es versetzt uns vielleicht nur in eine schöne, feierliche
Stimmung. Wir wurden durch die Osterbotschaft nicht im tiefsten Wesen gepackt
und umgestaltet zu neuem Leben. Wir erlebten nichts von der ungeheuren Gewalt,
mit der die Gefangenen auf der russischen Schreckensinsel sich gegenseitig
zuriefen: „Chrestos woskres – Christ ist erstanden! Wo istinu woskres – er ist
wahrhaft erstanden!“ Wir müssten die ganze verzweifelte Trostlosigkeit dieser
misshandelten Opfer des. roten Terrors erlebt haben, um zu fühlen, mit welchem
Jubel die Kunde vom Leben, vom frohen, heiligen Geheimnis der Auferstehung
diese armen Verbannten erfüllte. Erst tiefstes Leid macht ganz fähig; die
Osterbotschaft aufzunehmen. Wer nie auf Golgatha war, kann nie auferstehen. Nur
wer mit Christus durch die Karwoche der Schmerzen ging, wer am Karfreitag unter
dem Kreuz auf Kalvaria stand, weiß, was Ostern ist. Nur wenn man aus dem Dunkel
des Karfreitags kommt, empfinden Herz und Auge in seliger Freude das Licht des
Ostertages.
   Karfreitag und Ostern, Kreuz und umgewälzter
Grabstein, Sterben und Auferstehung gehören unzertrennlich zusammen. Wahrer
Osterglaube und echte Osterfreude sind ohne Kreuz und Karfreitag unmöglich.


   Wer von uns kennt nicht das Osterbild des
Matthias Grünewald am Isenheimer Altar? Nie hat ein Künstler das Ostergeheimnis
mit solch erschütternder Kraft darzustellen gewusst. Eingetaucht in eine
wogende, kreisende Flut von Licht fährt der Auferstandene in mitreißender,
überwältigender Kraft aus dem gesprengten Felsengrab zur Himmelshöhe. Das Auge
des Beschauers wird fast geblendet von dem starken Licht der satten,
leuchtenden Farben, von dem Antlitz des Auferstandenen, das wahrhaft „wie die
Sonne“ leuchtet, so dass seine Umrisse im Gewoge des Lichtes verschwimmen.
   Warum gelang dem deutschen Meister dieses
einzigartige Kunstwerk? Warum vermochte er den Sieg des österlichen Lichtes so
hinreißend schön und kraftvoll darzustellen? Deshalb, weil er auch die Tragödie
des Karfreitags so besonders tief erlebte, weil alle Schauer Golgothas durch
seine Seele rauschten. Denn der Meister des leuchtendsten, kraftvollsten
Osterbildes ist auch der Schöpfer des erschütterndsten, furchtbarsten
Kreuzigungsbildes, das die Kunst kennt. Niemals ist das Leid des sterbenden
Gottmenschen in solch erschütternder Grausamkeit dargestellt worden.
 An diesem
Schmerzensmann ist wirklich „keine Schönheit mehr und Gestalt“: ein völlig
vernichteter Leib, schwärende Wunden, schauerlich verkrampfte Glieder, das
todesstarre Haupt umstrickt von einem wilden, hässlichen Dornengestrüpp.
   Weil Meister Grünewald zuerst mit offener
Seele eindrang in das Leiden Christi, weil er mit zerrissenem Herzen das Kreuz
trug und sich in zuckender Qual ans Kreuz schlagen ließ, konnte er auch wie
kein anderer aus erlöster Seele jubeln: Halleluja, Jesus lebt! Christus ist erstanden!
   Karfreitag – Ostern: das muss der
unaufhörliche Rhythmus eines wahren Christenlebens sein. Wer nichts vom Kreuz
weiß und wissen will; der mag an Ostern schöne Redensarten vom erwachenden
Frühling im Munde führen, dem mag das ganze Ostererlebnis eingeschlossen sein
in Ostereier und Osterspaziergang – vom wahren, christlichen Ostergeheimnis
wird er nicht berührt. In einem Osterlied, das vor Jahrhunderten viel gesungen
wurde, sagt der Auferstandene:
               Hebe auf dein Kreuze und
gehe nach mir,
               Oder gehe voran, ich folge
dir:
               Ich muss dich zwingen und
lähmen,
               Du bist wilde, ich muss dich
zähmen.
   Ostern hat das Kreuz nicht beseitigt.
Osterfreude bedeutet für den Christen keinen Abschluss des Leidens. Echte
Osterfreude ist vielmehr Leidensfreude. Im Lichte des Ostergeheimnisses geht
uns das tiefste Wesen des Leidens auf. Osterfreude ist ein überzeugtes,
kraftvolles Umarmen des Kreuzes, ein opfervolles, vertrauensvolles Sichhingeben
an das Wort Jesu: „Wer mein Jünger sein will, nehme sein Kreuz auf sich.“ Im Lichte
des Ostersonnenglanzes fällt alles Schreckhafte von diesem Wort. Denn wir wissen:
Wer mit dem Erlöser leidet, wird auch mit ihm verherrlicht werden. Auf den Karfreitag
kommt ein Ostermorgen – nicht nur für Christus, sondern auch für jeden, der in
Wahrheit sein Jünger ist.
Quelle: Kirche und Leben – Alphons Maria Rathgeber –
Verlag Albert Pröpster – Kempten im Allgäu, 1956.