Ist dann das Leben noch lebenswert?

Ein so rundherum beschnittenes Leben in christlicher „Armut“ scheint Dir nicht mehr verlockend; leer, öde, tot, freudlos. – Freund, da hättest Du die Sache missverstanden. Christus meint immer die Freude. Gerade das Leben in dieser christlichen Armut wird uns zu jener Freude befähigen, die Christus meint:

Erstens werden wir durch diese christliche „Armut“ zu einer tiefen Freundschaft mit Gott fähig; und die bringt uns schon in dieser Welt „das Hundertfache“ an Freude, sagt Christus.

Zweitens will Christus durchaus nicht den Verzicht auf alle irdischen Freuden, Vergnügungen usw.; nur das Überflüssige sollen wir wegschneiden, das uns süchtig macht und uns das Interesse an Gott raubt.

Drittens werden wir sehr, sehr viele Freuden, Vergnügungen und Besitztümer sogar pflichtgemäß besitzen müssen: wir brauchen nämlich wirklich Erholung und Entspannung; durch unsere Verpflichtung als Familienvater, Bürochef, Fabriksherr usw. werden wir sogar verpflichtet sein, viele Dinge zu besitzen. Wieviel wir vernünftigerweise brauchen, wird durchaus dem Gewissen des einzelnen zur Entscheidung überlassen bleiben. Christliche „Armut“ lässt sich nicht in Schillingen ausdrücken. – Eines ist gewiss: Dass all die Menschen, die diese „Armut“ Christi wirklich leben, wahrlich frohe Menschen sind; Menschen, die die Freude in höherem Maß besitzen als die meisten auf den Rummelplätzen des Wohlstandzeitalters.

Wenn Du wirklich Gott so finden willst, wie Christus es meint, dann wirst Du jene Armut lernen müssen, die Christus lehrt. Es gibt keine tiefe Liebe zu Gott ohne diese „Armut“: „Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und den Mammon zugleich.“ Glaubst Du das? Millionen haben es nicht geglaubt und haben es anders versucht; aber keinem von ihnen ist Gott zu jenem Schutz im Acker geworden, zu jenem Zentrum des Lebens, wie Christus es meint. An der „Armut“ wir sich weitgehend entscheiden, wieviel Gott Dir wert sein wird. – Es ist freilich Gnade, diese Armut verstehen oder gar beginnen zu dürfen. „Wer das erfassen kann, der erfasse es . . . Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.“

 

Quelle: Die 10 Gebote Gottes – Dr. Herbert Madinger – Auflage 1992 – Erzdiözese Wien – Katholische Glaubensinformation