Hat das Alleinsein nur Nachteile?

So mancher, der immer im Gedränge der Menschen stehen muss, beneidet den Einsamen. So viele, die durch Familie und Beruf für andere da sind, sehnen sich danach, einmal Zeit und Muße für sich zu haben. Gemeinschaft ist nicht nur Lust, sondern manchmal auch Last. Der Alleinstehende findet oft leichter als der Verheiratete das rechte Maß zwischen dem Für-andere und Für-sich. Er kann sich immer wieder in seine Einsamkeit zurückziehen, um dort neue Kraft zu schöpfen, die ihn befähigt, seinen Mitmenschen gesammelt und gestärkt zu begegnen und sie selbst zu stärken. Dies sollte er klar erkennen und froh und dankbar nützen.
Eine sinnreiche Fabel erzählt: Zwei Igel froren und wollten sich gegenseitig wärmen. Sie rückten aber zu nahe zusammen und stachen sich gegenseitig mit ihren Stacheln. Nun waren sie in kluger Weise darauf bedacht, weder einander zu ferne zu bleiben, noch einander zu nahe zu rükken.
 
Nicht Menschenverachtung darf uns in die Isolierung führen – dies würde unser Herz nur kälter, lebensferner und unglücklicher machen. Doch die menschliche Klugheit sollte uns davon abhalten, alles Heil ausschließlich von unseren Mitmenschen zu erwarten. Es ist wichtig, zur Auffrischung der Kräfte manchmal ganz allein zu sein. Da kommt man zur Ruhe. Manche meinten gar in übertriebener Weise: „O selige Einsamkeit – o einzige Seligkeit!“ Man darf nicht nur die Schönheit der Gemeinschaft mit Menschen im Auge haben, man muss auch die daraus erwachsenden Belastungen sehen. Wir dürfen nicht nur das Schwere der Einsamkeit fühlen, wir müssen auch ihre Vorteile erkennen und anerkennen.

Quelle: Einsamkeit als Gnade – Alois Meder –