Gottes Gruß an Maria

Die glorreiche Jungfrau immer mehr grüßen –
Die Königin stand zu deiner Rechten im goldenen Gewand
(PS 45, 10)

Obwohl ich nichts verdient habe, sondern mir vieler Vergehen bewusst bin, ist dein Leiden, Herr Jesus Christus, dennoch meine größte Zuversicht und das Verdienst der glorreichen Jungfrau, deiner heiligen Mutter Maria, an die ich jetzt für einen Augenblick denken will und – so bitte ich – auch darf. Wer bin ich nämlich, dass ich näher heranzutreten wagte ohne die erforderliche Erlaubnis zu vor.

Ich weiß, dass sich meine Unwürdigkeit bei dieser einzigartigen Verehrung nicht zeigen darf: Sie allerdings verehren die Engel und rufen voll Staunen aus: Wer ist sie, die aus der Wüste der Welt emporsteigt und reich ist an den Freuden des Paradieses?

Deshalb, liebste Jungfrau Maria, steht es mir keineswegs zu, deinen Ruhm und deine Ehre, deine Schönheit und Größe zu erwägen, da ich Erde und Asche bin, ja sogar geringer als Erde und Asche, da ich ein Sünder bin und zu jedem Übel sehr geneigt.

Du bist aber erhabener als der Himmel. Die Welt hast du unter deinen Füßen und der Ehre deines Sohnes wegen zeigst du dich aller Hochachtung und Verehrung würdig. Dennoch zieht und lockt oft deine unaussprechliche Güte, die jeden Gedanken übersteigt, mein Verlangen zu dir. Du bist nämlich der Trost für die Verlassenen und kommst gerne den armen Sündern zu Hilfe.

Ich fühle allerdings, dass ich allen guten Trostes und der Stärkung, besonders aber der Gnade deines Sohnes bedarf. Denn ich bin in keiner Weise imstande, mir selber zu helfen. Wenn du dich aber würdigst, gütigste Mutter, auf meine Kleinheit zu achten, kannst du mir auf vielfältige Weise zu Hilfe kommen und mich bei den Mühsalen mit reichlichen Tröstungen erquicken. Immer wenn ich also von irgendeiner Schwierigkeit oder Versuchung bedrängt werde, muss ich schnell und ohne Unruhe bei dir Zuflucht nehmen, weil dort die Barmherzigkeit wirksamer ist, wo die Gnade noch mehr überfließt.

Wenn aber einmal zufällig meine Betrachtung auf deinen erhabenen Ruhm abzielen und dich ehrfürchtig aus innersten Herzen grüßen mag, muss ich mit weitaus reinerem Herzen vorgehen. Denn ohne Führung des Gnadenlichtes nützte es mir nichts, den Anfang zu machen.

In Wahrheit verdient er nicht Ehre, sondern eine angemessene Schmach, wer es auch immer wagt, unehrerbietig an deine Pforte zu treten. Für den Bittenden gehört es sich aber, mit größter Ehrfurcht und Demut hinzutreten, zugleich aber voll guter Hoffnung und soweit er durch deine barmherzige Milde gewürdigt wird, zugelassen zu werden.

Also trete ich vor dich, heiligste Jungfrau, demütig und ehrfürchtig, ergeben und voll Vertrauen. Mit flehenden Lippen soll man dir den Gruß Gabriels entbieten. Den Gruß vergegenwärtige ich voll Freude, ehrfürchtig dir gegenüber, mit gesenktem Haupt, mit ausgebreiteten Armen und brennenden Verlangen, dich zu verehren. Ich erbitte und erflehe, dieser Gruß möge 100.000-mal noch mehr von allen himmlischen Geistern an meiner Stelle gesprochen werden.  Denn ich weiß ganz und gar nichts Würdigeres und Zärtlicheres, was ich dir gegenwärtig entbieten könnte.

Ein treuer Verehrer deines heiligen Namens möge jetzt aufhorchen: Der Himmel freut sich, die ganze Erde staunt, immer wenn ich ein Ave Maria spreche. Satan flieht, die Hölle erzittert, immer wenn ich ein Ave Maria spreche. Die Welt wird wertlos, das Fleisch hinfällig, immer wenn ich ein Ave Maria spreche. Die Traurigkeit entschwindet, neue Freude kommt auf, immer wenn ich ein Ave Maria spreche. Die Trägheit entweicht, das Herz wird von der Liebe entflammt, immer wenn ich ein Ave Maria spreche. Die Andacht wird größer, die Reue erwacht, die Hoffnung wächst, der Trost wird vermehrt, immer wenn ich ein Ave Maria spreche. Der Geist wird neu belebt und kranke Leidenschaft wandelt sich zum Guten, immer wenn ich ein Ave Maria spreche.

Freilich ist der Wohlgeschmack dieses gesegneten Grußes so groß, dass er mit menschlichen Worten nicht ausgedrückt werden kann, sondern es bleibt immer etwas Höheres und Tieferes unausgesprochen: Aber jedes Geschöpf ist imstande ihn zu erspüren.

Deswegen beuge ich wiederum demütig meine Knie vor dir, heiligste Jungfrau Maria, und spreche: Gegrüßt seist du Maria, du bist voll der Gnade! Nimm. Heilige Maria, meine mildeste Herrin, diesen ergebensten Gruß an und mit ihm auch mich. So habe ich etwas, was dir gerne gefällt, was mir aber die Treue zu dir erhält, was die Liebe ständig wachsen läßt und was mich bei der Pflicht hält, deinen Namen treu zu verehren.

Um dem Verlangen Genüge zu leisten, dich mit meinem ganzen Leib zu ehren und zu grüßen, mögen sich doch alle meine Glieder in Zungen  verwandeln und die Zungen zu feurigen Stimmen werden,  damit ich eine Weise finde, dich, Mutter Gottes, in Ewigkeit rühmen zu können.

Für alle meine Sünden bis auf den heutigen Tag, durch die ich den Zorn verdient habe, deinen Sohn zutiefst betrübt habe, auch dich und das ganze himmlische Heer sehr oft verunehrt und beleidigt habe, möge ich doch imstande sein, diesen liebenswürdigsten Gruß Gabriels zu entbieten, gleichsam als heiliges und reines Gebetsopfer, als Sühne für alle meine Vergehen. Da mein Leben allzu zerbrechlich und hinfällig ist, mögen doch auch für alle meine Ausschweifungen und Nachlässigkeiten und auch für alle eitlen, unreinen und schlechten Gedanken alle seligen Geister und Seelen der Gerechten dir, o seligste Jungfrau Maria, diesen erhabensten Gruß mit reinster Andacht und innigster Fürbitte hundertfältig zu deiner Ehre wiederholen.

Mit diesem Gruß beschloss die Heiligste Dreifaltigkeit, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, dich zum erstenmal durch den Engel zu grüßen. Auf diese Weise werde ich würdigen Weihrauch von angenehmen Duft finden, da ich nichts an Güte und angemessener Gegenleistung bei mir finden kann.

Aber jetzt, in deine Gegenwart ersetzt und von aufrichtiger Andacht geleitet, gebe ich mich ganz als Diener hin, deinen Namen zu verehren. Ich vergegenwärtige dir die Freude dieses Grußes, als der Erzengel Gabriel von Gott geschickt wurde und die Abgeschiedenheit deiner Kammer betrat.

Und du beugtest ehrfürchtig deine Knie, während der Engel dein jungfräuliches Antlitz mit dem neuen und seit Ewigkeit unerhörten Gruß ehrte und sprach:

Gegrüßt seist du, voll der Gnade, der Herr ist mit dir!  Diesen Gruß wünsche ich zu entrichten nach Art der Gläubigen und mit goldenen und – wenn ich könnte – reinen Lippen. Dazu ersehne ich: Zusammen mit mir mögen alle Geschöpfe auf gleiche Weise aus innersten Herzen sprechen: Gegrüßt seist du Maria, du bist voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus Christus. Amen.

Das ist der Englische Gruß, formuliert durch die Eingebung des Heiligen Geistes in völliger Übereinstimmung mit deiner Würde und Heiligkeit. Es ist kein kleines Gebet den Worten nach, ein erhabenes den Geheimnissen nach – sprachlich kurz, inhaltlich tief, süßer als Honig, wertvoller als Gold. Man muss es im Herzen fortwährend erwägen und mit reinen Lippen häufig aussprechen und innig wiederholen. Denn es ist nur aus ganz wenigen Worten zusammengesetzt, aber es ergießt sich im breiten  Strom eines himmlischen Wohlklanges.

Aber wehe den stolzen, wehe den untreuen und zerstreuten Betern: Die goldenen Worte erwägen nicht und den honigsüßen Trank kosten nicht, die oftmals das Ave Maria ohne Andacht und Ehrfurcht sprechen.

Süßeste Jungfrau Maria, behüte mich vor so schwerer Nachlässigkeit und Trägheit und erweise mit Nachsicht für bereits getanes Vergehen. Ich will fortan beim Beten des Ave Marias nur noch treuer, inniger und andächtiger sein, ob ich  jetzt in der Kirche, im Zimmer, im Garten, auf dem Feld oder an irgendeinen anderen Ort mich befinde. Und was soll ich jetzt danach von dir, meine liebste Herrin, noch erbitten? Was wir besser, was wird nützlicher, was wird so notwendig für mich unwürdigen Sünder sein, als Gnade zu finden vor dir und deinem geliebtesten Sohn? Ich erbitte also die Gnade Gottes durch dein Eintreten und deine Fürsprache. Nach dem Zeugnis des Engels hast du bei Gott di Fülle der Gnade gefunden.

Keine Bitte ist wertvoller und ich brauche keine Sache dringender als die Gnade und Barmherzigkeit Gottes.  Die Gnade Gottes genügt mir und ich beanspruche nichts Weiteres.  Was nämlich ist meine ganze Anstrengung ohne sie? Anderseits aber, was ist unmöglich mit ihrem Beistand und mit ihrer Hilfe?

Ich habe viele und verschiedene seelische Krankheiten. Aber die göttliche Gnade ist die wirksamste Medizin gegen alle Leiden; und wenn sie auf würdige Weise zuteil wird, kann sie alles lindern. Ich habe auch einen Mangel an geistlicher Weisheit und Kenntnis, aber die göttliche Gnade ist die höchste Lehrmeisterin und Spenderin der himmlischen Lehre. Sie reicht dazu aus, mich sofort in allem Notwendigen zu unterweisen. Denn etwas über das Notwendige hinaus zu erstreben oder außerhalb des Erlaubten wissen zu wollen, davon rät die göttliche Gnade ab. Aber sie ermahnt und belehrt, sich zu verdemütigen und mit sich selbst zufrieden zu sein. Diese Gnade also, milde Jungfrau Maria, erwirke mir. Sie ist so edel und wertvoll, dass ich mit Recht nichts anderes ersehnen oder erbitten soll als Gnade um Gnade.

 

Quelle: Nachfolge Mariens – Thomas von Kempen – aus den Lateinischen übersetzt von Ulrich Hamberger Erstes Buch. EOS-Verlag – D-86941 St. Ottilien