Fastenzeit

„Alles hat seine Zeit“, sagt der Volksmund. Leider ist das nicht mehr so.

Bestimmte früher einmal der Rhythmus der Jahreszeiten in enger Verbindung mit dem Kirchenjahr das alltägliche Leben der Menschen, mit Fasten und Festen, mit Trauer und Freude, mit Licht und Dunkelheit, so ist heute alles immer machbar und zu haben. Der moderne, autonome Mensch, der sich gegen alles Vorgegebene zur Wehr setzt, bedient sich nach Lust und Laune an den sich biegenden Tischen unseres Wohlstandes.

Ja, für viele Zeitgenossen ist es der Inbegriff des Wohlstandes, die Erwartungshaltung schlechthin, zu jeder Zeit alles haben zu können, was man sich wünscht. Die Folgen sowohl für die persönliche Reifung als auch für die zusehends ausgebeutete Welt sind verheerend.

Dies gilt auch vermehrt für die gläubigen Katholiken, die es eigentlich besser wissen müssten.

Die Kirche ist aus der Sicht der meisten Katholiken eine Bedienanstalt geworden, ein Dienstleistungsunternehmen, das nach den ganz persönlichen Vorstellungen zu funktionieren hat. Das beginnt zunächst beim Glauben. Wie vor einem Supermarktregal wird sich genommen, was gefällt, der Rest bleibt liegen. In vielen Gesprächen über den Glauben taucht allzu oft das Wort „Ich“ auf: „Ich glaube dies und jenes nicht.“, „Für mich ist das so und so.“, „Ich sehe das ganz anders.“. Aber auch das Wort „Wir“ fällt allzu häufig. „Wir sind mit diesem und jenem in der Kirche unzufrieden.“, „Wir sind Kirche.“, „Wir glauben eher aufgeklärt.“ und so fort.

Interessant ist, dass Gott hier meist ausgeklammert wird und immerhin handelt es sich doch um seine Kirche. Die Frage, die uns unter den Fingernägeln brennen sollte, ist vielmehr: Was will eigentlich Gott? Und was will seine Kirche?

Denn nicht wir sind es, die die Kirche gestalten, es ist die Kirche, die uns gestaltet und sie ist die einzige, die den Auftrag und die Mittel dazu hat. Sie ist es, die lehrt, heiligt und leitet.

Es ist wichtig, dass wir neu erlernen, was es heißt zur Kirche zu gehören.

Als Papst Benedikt XVI. in Freiburg von der „Entweltlichung“ der Kirche sprach, war eben auch jene Mentalität in Frage gestellt worden, die ich eingangs erwähnte. Entweltlichung bedeutet hier, intensiver mit der Kirche zu leben und sich dadurch enger an sie zu binden. Es bedeutet, den Mut zu haben, ganz in das Reich Gottes einzutauchen, ohne die Furcht etwas verpassen zu können. Allein dies kann in uns die Freude des Evangeliums wach werden lassen. Denn, wie wir vom Herrn wissen, es ist unmöglich zwei Herren zu dienen und darüber hinaus macht es auch unglücklich.

Entweder es zerreißt uns das Herz oder es macht lau. Der Mensch ist auf die Hingabe hin geschaffen worden und es ist immer wieder nötig, den inneren Kompass neu auszurichten.

Deshalb schenkt uns die Kirche in jedem Jahr die Möglichkeit dies zu tun. Wegzukommen von der Nabelschau und Selbstbespiegelung, hin zu Gott. Wegzukommen vom leeren Konsum und die Hingabe zu erlernen, das ist die Herausforderung der Fastenzeit.

Das Vorbild dieser Hingabe ist unser Herr Jesus Christus in seinem Leiden und Sterben. Somit sind die Kreuzwegandachten ein wichtiger Bestandteil dieser inneren Umwandlung. Den Kreuzweg in rechter Weise – nämlich betrachtend – mitzugehen bedeutet, christliche Hingabe zu sehen und zu lernen. Jesus Christus lehrt uns hier vom Kreuze aus. Und dies geschieht nicht in theoretischen Erwägungen, sondern im Mitgehen, im Nachvollziehen. Viele großen Gestalten der Schrift und der Kirchengeschichte wurden von Gott auf einen Weg geschickt. Dahinter lag auch immer ein geistiger Aufbruch, ein innerer Weg, der uns fortführt von den eingefahrenen Wegen unseres Lebens hin zu einem radikalen Neuaufbruch auf Gott hin. Weil die Kirche um die Wichtigkeit und Tiefenwirkung dieser Andacht weiß, hat sie die Teilnahme daran (unter den gewöhnlichen Bedingungen) mit einem vollkommenen Ablass versehen.

Möge Maria, die Mittlerin aller Gnaden, uns in der kommenden Fastenzeit das Geschenk erbitten, den Mut zu haben zum einzig wahren Fortschritt. Den Fortschritt, uns in ihren Sohn umgestalten zu lassen, in der Kirche, mit ihr und durch sie.

P. André Hahn FSSP, Rektor des Canisianum, Saarlouis, 2016.

 

Quelle: Aus dem „Saarlouiser Rundbrief der Priesterbruderschaft St. Petrus“, Februar 2016

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