Fasten, wozu?

FASTEN IM 20. JAHRHUNDERT?

Das Fasten begegnet uns bei allen großen Religionen! Es ist offenbar ein echtes religiöses  Phänomen, eine sinnvolle Tat. Die Menschen fasteten zum Beispiel, wenn sie ihre Schuld exemplarisch erlebt hatten. Sie wollten dann Sühne, Buße tun, und deswegen verbrachten sie den ganzen Tag ohne Nahrung; im Gebet vor Gott. – Oder sie fasteten, wenn sie in tiefer Not oder Trauer waren.

Ohne Speise und Trank  verbrachten sie den Tag im Gebet vor Gott, als wollten sie sagen: Herr, nun habe ich nichts mehr in dieser Welt als dich.

Entscheidend für dieses religiöse Phänomen des Fastens ist, dass es keine weltliche Arbeit neben sich duldet. Religiös fasten heißt: alle geistige Energie und alles Interesse Gott zuwenden. Das Religiöse Fasten ist daher immer verbunden mit Besinnung, Gebet und Gottsuche. Das Ziel allen Fastens ist es ja, Gott zu finden. Man will die Versöhnung mit Gott wiederfinden oder die Erhörung einer Bitte, letztlich immer die Vereinigung mit Gott.

Aber Du fragst: Wieso kann denn der Mensch durch rein körperliches Fasten tatsächlich Gott besser finden? Du musst einmal den Versuch machen, dann wirst Du es selber bemerken: Wenn Du tatsächlich einen Tag lang fastest, so tritt die Welt zurück. Es ist als könntest Du Dich lösen von dieser Welt, die Dich wie mit eisernen Krallen festgehalten hat. Diese eisernen Krallen der Welt heißen: dein täglicher Tagesablauf, all die Forderungen, die Tag für Tag an Dich herantreten, vor allem aber: all die Verlockungen und Möglichkeiten, die Dich in ihren Bann geschlagen haben, all die Triebhaftigkeiten, denen Du nicht entkommen kannst. Verstehst Du was das Fasten bedeutet? Wenn Du wirklich einen Tag ohne die üblichen Alltagsgeschäfte im Fasten verbringst, dann tritt diese ganze Kulisse der Welt weit, weit zurück. Du siehst auf einmal Dein Verhältnis zur Welt in ganz neuem Licht. Jetzt endlich kann Dein inneres aufatmen. Dein Herz wird zu reden beginnen, und Du wirst Dich fragen: Was soll ich denn eigentlich in dieser Welt? – Verstehst Du nun, dass dieses Fasten den Menschen näher zu Gott führen kann?

Du begreifst aber auch, dass diese Art des Fastens heute nur wenigen mehr bekannt ist. Erstens wird der Moderne Mensch vom Arbeitsrhythmus unserer Tage so sehr bedrängt, dass er kaum imstande ist, einen Tag lang mit seiner Arbeit auszusetzen. Und doch ist es notwendig, dass bei dieser Art des Fastens die Arbeit ruht, damit das Herz frei ist für Gott. Außerdem steht der Christ von heute in einem Milieu, das einem solchen religiösen Fasten gegenüber verständnislos, oft geradezu feindselig ist. Auch die Anleitung oder Anregung zu dieser Jahrtausendealten Form des religiösen Fastens wird heute kaum noch erteilt. Es gibt in dieser Hinsicht keine Vorbilder mehr.

Quelle: Die 10 Gebote Gottes – Dr. Herbert Madinger – Auflage 1992 – Erzdiözese Wien – Katholische Glaubensinformation