Die Wohltaten der hl. Messe für die Lebenden

Die heilige Messe ist die gewisseste Erlösung der Verstorbenen (22. Kapitel)

  1. Wie viele Strafen durch eine heilige Messe bezahlt werden, ist ungewiss, weil Gott dies nicht geoffenbart hat und die Meinungen darüber auseinandergehen. Das ist aber ganz gewiss, dass eine heilige Messe, bei Lebzeiten gehört oder gelesen, viel mehr nützt und mehr Strafen bezahlt, als eine solche nach dem Tode. Dies lehrt der hl. Anselmus: «Eine heilige Messe, bei Lebzeiten gehört, gilt mehr als viele, die nach dem Tode gelesen werden.» Warum dies?
  2. Erstens: Wer bei Lebzeiten eine heilige Messe für sich lesen lässt oder hört, erlangt dadurch Vermehrung der himmlischen Glorie, was nicht geschieht, wenn auch über hundert heilige Messen für einen solchen nach seinem Tode gelesen oder gehört werden.
  3. Zum anderen: Wenn du in deinem Leben eine heilige Messe hörst oder für dich lesen lassest, und du wärest im Stande der Ungnade, so verleiht dir Gott um der hl. Messe willen vielleicht Erkenntnis deiner Sünden und Reue über dieselben, sodass du in den Stand der Gnade gelangst; diese Gnade kann dir aber auch nach deinem Tode nicht widerfahren. Ja, und wärest du vielleicht ohne die heilige Messe im Stande der Ungnade gestorben, so können dir die gehörten und gelesenen heiligen Messen erwerben, dass du im Stande der Gnade stirbst.
  4. Drittens: Die heiligen Messen, welche du vor deinem Tode hörst oder lesen lassest, warten nach deinem Tode auf dich, gehen mit dir zum Gerichte, rufen für dich um Gnade und bewahren dich entweder ganz vor dem Fegfeuer oder machen wenigstens, dass du nicht so tief hineinkommst. Werden aber die heiligen Messen erst nach deinem Tode gelesen, so musst du auf sie in den schrecklichen Peinen des Fegfeuers warten.
  5. Viertens: Wenn du bei Lebzeiten für eine heilige Messe ein Almosen gibst, so beraubst du dich deines Geldes oder Gutes, sparst es dir gleichsam an deinem Munde ab und gibst es freiwillig deinem lieben Gott. Nach deinem Tode dagegen beraubst du dich dessen nicht; denn es gehört nicht mehr dir, sondern deinen Erben. Darum ist zu fürchten, dass die heiligen Messen nach deinem Tode geringe Kraft für dich haben werden.
  6. Fünftens: Endlich vermag eine heilige Messe bei Lebzeiten sicherlich mehr Strafen abzuzahlen als viele heilige Messen nach dem Tode, weil in dieser Welt die Zeit der Gnade, in jener aber die Zeit der gerechten Bestrafung ist; daher kannst du jetzt viel leichter als hernach den strengen Richter versöhnen. Denn also spricht der hl. Bonaventura: «Gott schätzt eine geringe freiwillige Busse in diesem Leben höher als eine viel schwerere, nicht freiwillige im andern Leben; gleich wie ein wenig Gold mehr gilt als ein großes Stück Blei.»

 

Quelle: Aus „Tiefsinnige Erklärung des hl. Messopfers“-264 (nach P. Martin von Cochem) in „Mysterium fidei“, CH-Egerkingen, Nr. 7/8, Juli/August 2019. S. 6.