Die Vorfastenzeit

Am heutigen Sonntag wird im Außerordentlichen Ritus (Latein) der Sonntag Septuagesima gefeiert, was auf Latein so viel wie „der Siebzigste“ bedeutet. Nachdem der Weihnachtsfestkreis nun geschlossen und die Zeit nach Epiphanie beendet ist, bereitet sich die Kirche mittels der Fastenzeit auf Ostern vor – der Osterfestkreis beginnt mit Septuagesima.

Während die Fastenzeit 40 Tage vor Ostern beginnt, kennt die Tradition seit Urzeiten auch die Vorfastenzeit, die die Sonntage Septuagesima (70), Sexagesima (60) und Quinquagesima (50) einschließt. Diese Vorfastenzeit ist im neuen liturgischen Kalender vom Papst Paul VI. abgeschafft worden und zur „Zeit im

Jahreskreis“ gerechnet worden, sodass dort zwischen Epiphanie und Aschermittwoch grün getragen wird. Dabei reicht sie bis in älteste Zeiten zurück: Die Propria der drei Sonntage, d.h. Lesungen und Gebete, wurden vom h1. Papst Gregor dem Großen (+604) zusammengestellt.

Rund 70 Tage sind es noch bis zum Fest der Auferstehung unseres Herrn und Erlösers. Die Zahl 7 ist hier von großer Bedeutung. Die 70 ruft uns die 70 Jahre der Juden im babylonischen Exil in Erinnerung, nach denen auch diese rund 70 Tage eine Zeit der Buße darstellen. Ferner stehen die gut sieben Wochen von Septuagesima bis Ostern den sieben Wochen von Ostern bis Pfingsten gegenüber: Wir fasten und trauern sieben Wochen „ohne Christus“ um uns dann sieben Wochen mit Ihm zu freuen, ehe an Pfingsten der Heilige Geist mit Seinen sieben Gaben die Vollendung bringt.

Der heilige Kirchenvater und -lehrer Augustinus schreibt über das Kirchenjahr: „Es gibt zwei Zeiten: Die eine ist jetzt und wird in den Versuchungen und Züchtigungen dieses Lebens verbracht; die andere ist dann, und wird in der ewigen Sicherheit und Freude verbracht werden. So feiern wir diese Zeiten zeichenhaft: Die Zeit vor Ostern und die Zeit nach Ostern. Jene, die vor Ostern ist, bezeichnet die Traurigkeit dieses Lebens; jene, die nach Ostern ist, hingegen die Seligkeit unseres zukünftigen Zustandes. [ … ] Daher ist es gut, dass wir erstere in Fasten und Gebet verbringen, die zweite aber in Freude und Lob begehen“ (Kommentar zu Psalm 148).

Der Schott schreibt zur Vorfastenzeit: „So mahnt uns diese Zeit an unsre eigene Pilgerschaft aus der Fremde, aus der gottfernen Welt (Babylon), zum wahren Vaterland (Jerusalem). Diese Pilgerschaft ist für uns ein beständiger Kampf gegen die Feinde unseres Heiles. Für den göttlichen Heiland bedeutete das öffentliche Wirken Mühsal und Leiden und schließlich den Tod; so muss sich auch unser Leben, soll es dem seinen nachgebildet werden, auf Kämpfe, selbst auf ein geistliches Sterben gefasst machen; erst dann wird es mit dem Heiland zum endlichen Triumph gelangen.“ – Seite 102

Mit Dom Prosper Guéranger können wir sagen: „Wir sind nur Gäste auf dieser Erde; wir sind im Exil und Gefangene Babylons, der Stadt, die unser Verderben plant. Wenn wir unser Vaterland lieben – ja dorthin zurückkehren wollen – müssen wir uns gegen dieses Land der Lügen beweisen und den Kelch, mit dem sie so viele unserer Mitgefangenen verführt, zurückweisen. [ … ] Nein, es darf kein Zeichen geben, dass wir in der Versklavung zufrieden sind, sonst verdienen wir es, auf ewig Sklaven zu sein.“

In genau diese Grundstimmung hinein spricht die Liturgie: Sie drückt den Bußcharakter in den violetten Gewändern des Priester aus, aber auch im reduzierten Altarschmuck, der schließlich ganz entfernt wird. Gloria und Alleluia fallen weg, da diese Zeit eine des besonderen Ernstes und der Trauer ist. „Quomodo cantabimus canticum Domini in terra aliena? – Wie könnten wir singen die Lieder des Herrn, fern, auf fremder Erde?“ (Psalm 137,4). Ab Septuagesima findet sich daher kein einziges Alleluia in der römischen Liturgie – erst in der Osternacht brechen Himmel und Erde wieder in Jubelliedern aus.

Dies drückt sich auch in den Texten der Messe aus: So spricht der Introitus von Septuagesima von „Todesstöhnen“ und „Qualen“ – die Kirche besinnt sich auf die Verlorenheit des sündhaften Menschen. Schließlich wird ab Quadragesima (Fastenzeit) als Ausdruck dieses feierlichen Ernstes und der Trauer auch die Orgel merklich weniger gespielt, was sich auch in reduziertem Gesang außerhalb der liturgischen Texte äußert. Nach dem Graduale in der Messe folgt statt des Alleluia-Verses ein Tractus, der an Sonntagen und Festen gebetet wird.

Im Brevier finden wir weitere Einsicht in die Bedeutung dieser Zeit. Die Texte der Matutin von Septuagesima erzählen von der Erschaffung der Welt und des Menschen, im Laufe der Woche berichten sie von seinem Sündenfall und der Verheißung eines Erlösers. Im gemeinsamen Betrachten der Texte der Stundenliturgie und der Messe offenbart sich das tiefe, schöne Geheimnis der Vorfastenzeit: Der Sündenfall Adams dient als Schlüssel zum Verständnis des österlichen Geheimnisses. Nutzen wir daher den Reichtum der Tradition der Kirche, die uns den Schatz der Vorfastenzeit geschenkt hat: Besinnen wir uns zurück auf unsere wahre Heimat, sagen wir uns los von dieser Welt und ihren Versuchungen, folgen wir Christus immer inniger nach und geben wir uns Ihm ganz hin, auf dass wir an Ostern mit Ihm auferstehen und verherrlicht werden mögen!

Quelle: Gottesdienstordnung – Alte Messe in Frankfurt, Februar 2017.

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