Die sieben Gaben des Heiligen Geistes – Die Weisheit

P. Markus Christoph SJM

Die kirchliche Tradition zählte sieben Gaben des Heiligen Geistes auf, die im Alten Testament vom Propheten Jesaja genannt werden (zumindest in der griechischen Übersetzung der Septuaginta):

„Der Geist des Herrn läßt sich nieder auf ihm [ sc. Den Messias]: der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Wissenschaft und Frömmigkeit, der Geist der Gottesfurcht.“

Über die Bedeutung der einzelnen Gaben wurden Bibliotheken geschrieben; eine wirklich einheitliche Interpretation hat sich nicht durchgesetzt; selbst Thomas von Aquin deutet die einzelnen Gaben in seinen verschiedenen Werken je anders (sogar innerhalb der Summa Theologiae gibt es zwischen der Prima Secundae und der Secunda Secundae deutliche Unterschiede).

Der folgende Text führt Erklärungen von verschiedenen Autoren zusammen und erhebt natürlich keinen Anspruch auf Exklusivität. Ziel ist vielmehr, aus den vielen Interpretationen das auszuwählen, was einerseits die Relevanz der Gaben für den heutigen Alltag deutlich macht, und andererseits die innere Verknüpfung der Gaben aufzeigt: Wer die erste Gabe hat, braucht die zweite; die zweite wiederum führt zur dritten usw. Darüber hinaus wird versucht, den Wesenskern einer Gabe in einem kurzen prägnanten Satz als „Merkhilfe“ zusammenzufassen.
(Dies gilt für alle folgenden Texte)

Der Geist der Weisheit
Wissen was Wichtig ist

Sapientis est ordinare. Dem Weisen kommt es zu, zu ordnen. Immer wieder wird von Thomas dieser Satz des Aristoteles zitiert, wenn es darum geht, auf den Punkt zu bringen, was Weisheit überhaupt ist. Weise ist nicht schon derjenige, der viel weiß. Sondern der, der Weiß, was wichtig ist, und der davon ausgehend sein sonstiges Wissen in einen größeren Kontext zu ordnen vermag. Weisheit bedeutet wissen was wichtig ist. Modern gesprochen: Die richtigen Prioritäten setzen, wissen, was es wert ist, dass wir Zeit investieren, sich nicht in Banalitäten verlieren. Weisheit ist also mehr als bloßes Wissen, aber vor allem ist es weniger als „Viel-Wissen“.  Wer gute Roboter baut und die botanischen Namen aller Pflanzen weiß, weiß sicher viel und mag ein guter Wissenschaftler sein, aber er ist deswegen noch nicht weise. Weisheit suchten die Philosophen (sie nannten sich Freunde der Weisheit), weil sie einen Blick für die wichtigen Fragen des Lebens hatten.

Blicken wir in unsere heutige Welt, so wird schnell klar, dass es wenig gibt, was wichtiger wäre als Weisheit.  Wir sind Meister des Viel-Wissens, aber wissen wir, was im Leben überhaupt wichtig sein soll? Wo sind die Prioritäten zu setzen? Beruf? Sport? Gesundheit? Hobbies? Beziehung? Spiritualität?  In der Fülle unseres Wissens haben wir die Orientierung verloren, was wirklich wichtig ist.

Es wäre doch interessant, was in den Augen Gottes für mein Leben wichtig ist . . . Wir sind bei den Gaben des Heiligen Geistes. Die Gabe der Weisheit ist nicht einfach irgendein spezielles Wissen, was für uns Menschen wichtig sein soll. Vielmehr schenkt sie uns Anteil an der göttlichen Perspektive, sie befähigt mich, zu sehen, was in den Augen Gottes in meinem Leben wirklich wichtig ist. Was also wirklich wichtig ist.

Nehmen wir als Beispiel für die durchschlagende Wirkung dieser Art von Weisheit den heiligen Franziskus: Er wurde weise in dem Moment, als er aus der Perspektive Gottes erkannte, was wirklich wichtig in seinem Leben ist: Nicht Reichtum und Ansehen, sondern aufrichtige Hingabe an Gott, Nachfolge Christi auf möglichst radikale Weise. Diese Erkenntnis veränderte sein ganzes Leben. Aber diese Art von übernatürlicher Weisheit findet sich bei allen Heiligen: Beim seligen John Henry Newman, der seine Karriere geopfert hat, weil er erkannte, dass die aufrichtige Suche nach Wahrheit das wichtigste ist, genauso wie bei den Seherkindern von Fatima, die plötzlich ihre Freizeit für Rosenkranz und Buße geopfert haben, weil ihnen die Begegnung mit Maria gezeigt hat, was wirklich wichtig ist.

Jeder Heilige hatte die Gabe der Weisheit, und auch wir brauchen sie an allererster Stelle. Ganz konkret im Alltag. Gaben sind kein Automatismus. Sie geben und lediglich die Fähigkeit zur göttlichen Perspektive. Im Stand der Gnade können wir erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben (wir tun es nicht automatisch), nämlich unsere Beziehung zu Gott, ein Leben aus den Sakramenten, die Vertiefung unseres Glaubens, der Lektüre der heiligen Schrift. Im Licht dieser Gabe des Heiligen Geistes zeigt sich unser Glaube als Weisheit im eigentlichen und höchsten Sinn. Paulus:

Wir verkünden Weisheit unter den Vollkommenen, aber nicht Weisheit dieser Welt oder der Machthaber dieser Welt, sondern ( . . .) was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Denn uns hat es Gott enthüllt durch den Geist.

Und damit kommen wir unmittelbar zur zweiten Gabe. (s. Morgen)

[Der ganze Vortag mit dem Titel „Die Gaben des Heiligen Geistes als Schlüssel für den Alltag“ ist enthalten in: Der Katholische Glaube – Kraft für den Alltag, Berichtband der 24. Theologischen Sommerakademie – (Bestelladresse IK-Augsburg, Nordfeldstr. 3 – 86899 Landsberg)]

Quelle: Der Fels, Juni 2017, S. 166.
Eichendorfer Str. 17, D-86916 Kaufering.
Redaktion: Hubert.Gindert@der–fels.de

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