Die sieben Gaben des Heiligen Geistes – Der Geist des Rates

P. Markus Christoph SJM

Der Geist des Rates
Richtig Reagieren

Wissen, was wichtig ist, verstehen, warum und wozu es wichtig ist. Weisheit und Verstand, beides muss im konkreten Leben umgesetzt werden – und das ermöglicht die nächste Gabe, nämlich der Rat.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Gabe des Rates sei die Fähigkeit, anderen Menschen in Übereinstimmung mit der Sichtweise Gottes für deren Leben zu raten. Den Zweifelnden Raten – ist das nicht eines der sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit? Die Gabe des geistlichen Begleiters als menschliches Sprachrohr für den Heiligen Geist. Aber ist das wirklich eine Gabe, die jeder Christ besitzt? Oder wird diese besondere Begabung nicht nur einzelnen Menschen zum Dienst an ihren Mitmenschen zuteil? Tatsächlich zählt die Theologie das Rat-geben-können eher zu den sog. Charismen als zu den klassischen Gaben des Heiligen Geistes.

Bei Thomas von Aquin steht der Begriff consilium – so das lateinische Wort für Rat – allgemein für den Prozess der Überlegung, der einer Entscheidung vorausgeht. Mit sich selbst zurate gehen. Im consilium beratschlagt sich der Mensch mit sich selbst, sucht mögliche Handlungsalternativen, um dann die beste Option auszuwählen. Das Wochenende ist frei, ich kann zuhause im Internet surfen, ins Freibad gehen oder in die Berge fahren. Vor der Entscheidung wäge ich ab, im Idealfall berate ich mich sogar mit Freunden, um dann optimal auf die vorhandene Situation zu reagieren.

Genau hier setzt die Gabe des Rates an: Sie weitet unseren Horizont, so dass man in seinem Entscheidungsprozessen nicht mehr nur aus seiner subjektiven Perspektive auf eine vorliegende Situation blickt und auf eigene Überlegung angewiesen ist, sondern sie lässt uns Anteil nehmen am göttlichen Blickwinkel auf die konkrete Situation. Der Mensch beratschlagt nicht mehr alleine, sondern öffnet sich für den „Rat Gottes“, um dann richtig reagieren zu können. Dabei geht es nicht um außerordentlichen Offenbarungen oder Geisterscheinungen. Es ist mein eigenes Denken, das durch eine joint attention mit dem Heiligen Geist neue Handlungsoptionen entdeckt, die aus rein menschlicher Sicht nicht zu erkennen gewesen wären. Plötzlich erkenne ich, dass es neben Internet, Freibad und Bergen auch die Theologische Sommerakademie als Wochenendoption gibt . . .

Alle Heiligen waren Meister des Rats. Ein besonders schönes Beispiel ist der heilige Ignatius von Loyola. Als Ordensgeneral musste er täglich unzählige Entscheidungen treffen – oft mit „lebenslangen“ Konsequenzen für die Betroffenen. Besonders wichtige Entscheidungen bracht er zu Papier, legte sie einige Zeit auf dem Altar, empfahl dem Herrn das Anliegen, um sein eigenes Denken zu öffnen für eventuelle alternative Entscheidungsoptionen. Nach dieser „übernatürlichen Beratschlagung“ war er von einer inneren Sicherheit getragen, in der betreffenden Situation richtig reagiert zu haben.

[Der ganze Vortag mit dem Titel „Die Gaben des Heiligen Geistes als Schlüssel für den Alltag“ ist enthalten in: Der Katholische Glaube – Kraft für den Alltag, Berichtband der 24. Theologischen Sommerakademie – (Bestelladresse IK-Augsburg, Nordfeldstr. 3 – 86899 Landsberg)]

Quelle: Der Fels, Juni 2017, S. 168.
Eichendorfer Str. 17, D-86916 Kaufering.
Redaktion: Hubert.Gindert@der–fels.de

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