Die sieben Gaben des Heiligen Geistes – Der Geist der Wissenschaft

P. Markus Christoph SJM

Wissenschaft
Den wirkliche Wert der Welt Wahrnehmen

Wissenschaft im landläufigen Sinn meint heute „die Gesamtheit von Erkenntnissen und Erfahrungen, die sich auf einen Gegenstandsbereich beziehen und in einem Begründungszusammenhang stehen.“ Wissenschaft zielt darauf ab, möglichst objektiv, sicher und umfangreich das Wissen über einen Gegenstand zusammenzuführen. Im Gegensatz zur Weisheit – dem Wissen was richtig ist – ist Wissenschaft über jeden Gegenstand möglich. Geographie, Ökonomie, Sport – Wissen in diesen Bereichen macht nicht weise, aber es kann als Wissenschaft betrieben werden.

Wie hilft der Heilige Geist in der Wissenschaft? Sind katholische Professoren die besseren Wissenschaftler? Weil ausgerüstet mit der Gabe der Wissenschaft? Die Gaben befähigen uns, die Perspektive Gottes zu teilen. Die Gabe der Wissenschaft erlaubt uns, die Welt aus der Perspektive Gottes zu sehen: sie so zu sehen, wie er sie sieht; zu erkennen, welche Bedeutung die Ginge aus Gottes sicht haben, welchen Sinn die geschaffene Wirklichkeit nach dem Plan Gottes besitzt. Kurz: Den wirklichen Wert der Welt wahrzunehmen. Die Sonne ist ja nicht nur ein heißer Stern, der unseren kalten Planeten beheizt, sondern zugleich (und viel wichtiger) ein Spiegelbild Gottes, Quelle aller Wärme und allen Lichts. (deswegen war Jahrhunderte lang die offizielle Gebetsrichtung Osten – hin zur Sonne, die für Christus steht). Und Wasser ist nicht nur das chemische Element H2O, sondern zugleich eine Offenbarung der Gnade Gottes als Allreinigungsmittel und Lebensspender, Bäume belehren uns über die Kirche (vgl. Senfkorngleichnis), Getreide über das Wesen von guten Taten und das Feuer über die Hölle. Die Gabe der Wissenschaft lässt uns die Dinge dieser Welt sehen, wie Gott sie sieht; den Sinn in ihnen erkennen, den Gott in sie hineingelegt hat.

Meister dieser Gabe ist der heilige Bonaventura, der schlicht in allen Dingen dieser Welt Hinweise auf die übernatürliche Wirklichkeit und verblüffende Abbilder der Dreifaltigkeit entdeckt hat. Die Gabe der Wissenschaft ist dabei nicht darauf beschränkt, den geistlichen Sinn hinter den geschaffenen, Materiellen Dingen zu entdecken; auch durch den Ablauf der Geschichte spricht Gott zu uns und offenbart sich. Ignatius von Loyola hatte im 16. Jahrhundert zwei seiner Jesuiten als Missionare für Indien ausgewählt; weil der zweite Kandidat bis zum Abfahrtstag nicht gesund wurde, musste kurzerhand und – menschlich gesehen – ungeplant Franz Xaver einspringen. Dieser sah darin das Wirken Gottes /Gabe der Wissenschaft) und bestieg das Schiff. In Portugal erkrankte der zweite Mitbruder, Franz Xaver fuhr alleine nach Indien und wurde der größte Missionar der Kirchengeschichte. Die Gabe der Wissenschaft ermöglicht uns, den wirklichen Wert der Welt und ihrer Ereignisse wahrzunehmen.

Warum folgt die Gabe der Wissenschaft der Gabe der Stärke? Wie gesehen beurteilt die vorige Gabe auftretende Schwierigkeiten mit Blick auf die Allmacht Gottes. Alle Widerstände, die sich einem gut beratenen Entschluss entgegenstellen, sind von der Vorsehung Gottes immer schon umfangen und mitbedacht, und  darum lässt uns die Gabe der Stärke allen Schwierigkeiten standhalten. Aber das Wissen um die Vorsehung und Allmacht Gottes, welches die eigentliche Wurzel der Stärke ist, lässt den Menschen den eigentlichen – nämlich begrenzten – Wert der Welt erfassen – genau das aber ist die Definition der Gabe der Wissenschaft: Den wirklichen Wert der Welt wahrzunehmen.

[Der ganze Vortag mit dem Titel „Die Gaben des Heiligen Geistes als Schlüssel für den Alltag“ ist enthalten in: Der Katholische Glaube – Kraft für den Alltag, Berichtband der 24. Theologischen Sommerakademie – (Bestelladresse IK-Augsburg, Nordfeldstr. 3 – 86899 Landsberg)]

Quelle: Der Fels, Juni 2017, S. 169f.
Eichendorfer Str. 17, D-86916 Kaufering.
Redaktion: Hubert.Gindert@der–fels.de

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