Die sieben Gaben des Heiligen Geistes – Der Geist der Frömmigkeit

P. Markus Christoph SJM

Frömmigkeit
Family Feeling

Bei keiner Gabe ist das deutsche Wort so irreführend wie bei der Gabe der Frömmigkeit, womit die lateinische pietas wiedergegeben wird. Pius im Sinn der Tugend ist zunächst der, der seinem Vater die ihm zustehende Ehrerbietung erweist. Und weil nach Thomas „in maiori includitur minus“ – im Größeren immer das Kleinere miteingeschlossen ist – darum meint die Tugend pietas ganz allgemein das rechte Verhalten des Menschen in Bezug auf seine Familie, seine Freunde, seine Wohltäter, ja bis hin zum Vaterland.

Die Gabe der Frömmigkeit überträgt nun diese Beziehung wieder auf Gott. Ohne Gaben des Heiligen Geistes stehen wir Gott als unserem Herrn und Schöpfer gegenüber: Er regiert uns, er erhält uns im Sein, er richtet uns. Dass wir auf ihm als unseren Vater blicken und mit ihm in kindlicher Liebe verbunden sind, kurz: Dass wir auf Gott blicken, wie Gott selber blickt (nämlich wie der Sohn auf den Vater – durch den Heiligen Geist), dies übersteigt wieder bei weitem unsere Natur als Geschöpfe; dafür braucht es eine eigene Befähigung, eine Anteilnahme am Blickwinkel Gottes selbst. Und nichts anderes bewirkt die Gabe der Pietas: So wie wir von Natur aus mit kindlichen Gefühlen auf unseren irdischen Vater blicken und mit unserer irdischen Familie verbunden sind, so befähigt uns die Gabe der Frömmigkeit, mit kindlichen Herzen auf Gott als unseren Vater zu schauen, ihn nicht nur als Schöpfer und Erhalter zu verehren, sondern als liebenden Vater. Die Gabe der Frömmigkeit bewirkt in diesem Sinn ein Family feeling in Bezug auf Gott.

Und – das ist bemerkenswert – zugleich bezieht sie sich auf alle Mitmenschen. Weil wir durch die Gabe der Frömmigkeit Gott als unseren Vater erkennen (und als Vater aller Menschen – sofern alle Menschen zur Gotteskindschaft berufen sind), verändert die Gabe der Frömmigkeit zugleich unser Verhältnis zu unseren Mitmenschen. Sie sind nicht mehr nur Mitmenschen, sondern Mitbrüder, Mitschwestern, Geschwister (oder zumindest: mögliche Geschwister) einer großen Familie des Glaubens.

Ein leuchtendes Beispiel der so verstandenen Gabe der Frömmigkeit ist die heilige Mutter Teresa. Jesus im Nächsten sehen und ihm darum als Bruder lieben. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mit getan“ Mt 25). Wenigen Heiligen ist dieser übernatürliche Blick auf die Mitmenschen – nämlich aus der Perspektive Gottes – so gut gelungen wie Mutter Teresa. Oder genauer: Sie hatte die Gabe der Frömmigkeit maximal geöffnet.

[Der ganze Vortag mit dem Titel „Die Gaben des Heiligen Geistes als Schlüssel für den Alltag“ ist enthalten in: Der Katholische Glaube – Kraft für den Alltag, Berichtband der 24. Theologischen Sommerakademie – (Bestelladresse IK-Augsburg, Nordfeldstr. 3 – 86899 Landsberg)]

Quelle: Der Fels, Juni 2017, S. 170f.
Eichendorfer Str. 17, D-86916 Kaufering.
Redaktion: Hubert.Gindert@der–fels.de

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