Die Dichterin von „Segne du, Maria“

Viele von uns kennen das Lied „Segne du, Maria“, aber wenige wissen, dass sein Text von einer jungen Frau stammt, die zur Zeit seiner Abfassung noch Protestantin war.

Kordula Wöhler wurde am 17.Juni 1845 in Mecklenburg geboren. Ihr Vater, Dr. Johann Wilhelm Wöhler, war evangelischer Theologe und wurde später Pastor in Lichtenhagen bei Rostock. Kordula, ein begabtes Kind, erhielt eine gute Ausbildung und zeigte von klein auf ein religiös tief empfindsames Gemüt. Trotz des evangelischen Elternhauses las sie schon als Kind auch Bücher katholischer Schriftsteller, in ihrer Jugendzeit besonders die Werke des Universitätsprofessors und Priesterschriftstellers Alban Stolz (1808-1883).

Während eines Besuchs bei ihren Großeltern besuchte sie als 16-Jährige das erste Mal eine katholische Kirche.

Was sie bei einer Messfeier erlebte, hat sie tief ergriffen. Erschien ihr doch schon länger der Umgang der Protestanten mit dem „Abendmahl“ inkonsequent. Als Lutheranerin hatte sie gelernt, dass Christus in Brot und Wein wirklich gegenwärtig wird, aber nur für die Kommunion der Gläubigen. Was übrig bleibt, ist wieder gewöhnliches Brot und Wein, und der Vater stellte es in den Küchenkasten … Kordula tat dabei jedes Mal das Herz weh. Auch leuchtete ihr nicht ein, warum sie Maria und die Heiligen nicht verehren sollte. Vater nannte das eine „Abgötterei“.

Von da an wusste es Kordula bei Urlaubsaufenthalten in Bayern oder Österreich immer wieder so einzurichten, dass sie katholische Kirchen und Gottesdienste besuchen konnte, während die Familie die Städte besichtigte. Besonderen Eindruck machte auf sie die Kirche in Eben in Tirol, wo die heilige Bauernmagd Notburga bestattet ist. Ihre Lebensgeschichte ließ in ihr den Wunsch wachsen, einst wie Notburga als Magd Gott und den Menschen zu dienen. Alban Stolz, mit dem sie einen heimlichen Briefwechsel begonnen hatte, war ihr in dieser Zeit ein behutsamer Ratgeber.

„Aber lange, bevor ich daran dachte, katholisch zu werden“, schrieb sie später, „begann ich schon Maria zu lieben, ihr heimlich zu huldigen, ohne jedoch den Mut zu haben, sie anzurufen; denn ich wusste ja, dass dies den Protestanten nicht erlaubt war.“

In einem verstaubten Winkel der Lichtenhagener Kirche, die ursprünglich katholisch war, hatte sie eines Tages eine hölzerne Marienstatue mit dem Leichnam Jesu auf dem Schoß entdeckt, deren Anblick die Heranwachsende tief beeindruckte. Sie säuberte den Winkel und die Statue, brachte fast täglich frische Blumen und verspürte eine wachsende Liebe zur Gottesmutter. Als den Eltern ihr Briefwechsel mit Alban Stolz bekannt wurde, haben diese auch ihre heimlichen „Marienandachten“ entdeckt. Die Statue wurde entfernt und Kordula hat nie erfahren, wohin sie gebracht worden war.

Eine Pastorstochter, die katholisch wird, das empfand die Familie als Katastrophe. Doch Kordula, inzwischen 25 Jahre und nach damaligem Recht großjährig, bekannte, sie könne aus innerster Überzeugung auf ihren Wunsch, katholisch zu werden, nicht verzichten. Die Eltern erklärten, als Katholikin könne sie nicht länger im Haus eines Pastors bleiben. Kordula litt bei dem Gedanken, dass sie ihren Eltern und Schwestern wehtun müsse. Angesichts des Abschieds vom Elternhaus schrieb sie das Gedicht:

Segne du, Maria, segne mich, dein Kind,
dass ich hier den Frieden, dort den Himmel find.
Segne all mein Denken, segne alt mein Tun,
lass in deinem Segen Tag und Nacht mich ruh’n!

 

Segne du, Maria, alle, die mir lieb;
deinen Muttersegen ihnen täglich gib;
Deine Mutterhände breit auf alle aus.
Segne alle Herzen, segne jedes Haus!

 

Segne du, Maria, alle, die voll Schmerz!
Gieße Trost und Frieden in ihr wundes Herz!
Sei mit deiner Hilfe nimmer ihnen fern!
Sei durch Nacht und Dunkel stets ihr lichter Stern!

 

Segne du, Maria, jeden, der da ringt,
der in Angst und Schmerzen dir ein Ave bringt.
Reich ihm deine Hände, dass er nicht erliegt,
dass er mutig streite, dass er endlich siegt

 

Segne du, Maria, unsre letzte Stund‘!
Süße Trostesworte flüstre dann dein Mund!
Deine Hand, die linde, drück das Aug‘ uns zu,
bleib im Tod und Leben unser Segen du!

Karl Kindsmüller hat das Gedicht später vertont. Die erste, zweite und letzte Strophe wurden zum bekannten Kirchenlied.

Kordula ging nach Freiburg i. Brsg., wo sie Prof. Alban Stolz wusste. Dort wurde sie am 10. Juli 1870 in die katholische Kirche aufgenommen. Drei Tage später empfing sie das Sakrament der Firmung und am 16. Juli durfte sie die erste heilige Kommunion empfangen. Kordula war glücklich.
Im Frühjahr darauf versuchte sie tatsächlich, ein Leben wie die heilige Notburga zu beginnen. Sie nahm im Pfarrhaus von Eben die Stellung einer Dienstmagd an. Als sie den Posten wegen einer Verwandten des Pfarrkuraten räumen musste, ging sie nach Schwaz und verdingte sich in einer Zuckerbäckerei. Aber die Arbeit im Verkaufsladen entsprach nicht ihrem Bedürfnis nach Stille und Einsamkeit. Nach fünf Monaten fand sie in Schwaz ein Untermietzimmer, in das in der Nacht von der ganz nahen Kirche das Ewige Licht schien, und brachte sich mit Handarbeiten mühsam durch. Mit ihren literarischen Werken konnte sie erst später etwas verdienen. (Ihr Buch „Was das Ewige Licht erzählt“ erlebte 25 Auflagen.)
Brieflich lernte sie Josef Anton Schmid aus Vorarlberg kennen, in dem sie einen Gleichgesinnten erkannte.
Sie ging mit ihm eine „Josefsehe“ ein und zog mit ihm zwei adoptierte Waisenmädchen auf.
Als Kordula Schmid, geb. Wöhler, am 6. Februar 1916 starb, hatte sie als Dichterin und Schriftstellerin einen Namen. Drei Monate darauf
starb ihr Gatte.

Quelle: Betendes Gottesvolk, Wien 2006/1 Nr. 225

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