Die Andacht zum göttlichen Herzen Jesu

Die Andacht zum göttlichen Herzen Jesu zählt in unserer Gegenwart (1904) zu den populärsten Andachten der katholischen Kirche. Abgesehen von dem Gegenstand, dem sie sich zuwendet, verdankt sie diese Popularität an erster Stelle den Päpsten und den hochwürdigsten Bischöfen. Die kirchliche Obrigkeit hat diese Andacht siegreich gegen alle Angriffe der Feinde verteidigt und sie in die katholische Liturgie aufgenommen. Sie hat die verschiedensten Übungen der Andacht dem katholischen Volk vorgelegt und mit den Gnadenschätzen der hl. Ablässe bereichert, und mehrere Vereine, welche sich die Verehrung des heiligsten Herzen Jesu zum Zweck gesetzt haben, die Herz-Jesu-Bruderschaft, das Gebetsapostolat, die Sühnungskommunion, gebilligt, belobt und ihre Ausbreitung gewünscht. Sie hat endlich diese Andacht wegen ihrer heilsamen Früchte als ein ganz vorzügliches Heilmittel gegen die Übel unserer Zeit aufs wärmste empfohlen.

Papst Pius IX. hat einmal gesagt: „Diese Andacht könne man heutzutage einen unterscheidenden Charakter der Kirche, die Arche ihres Heiles, das Unterpfand ihres künftigen Triumphes, die Grundlage all unserer Hoffnung auf eine bessere Zukunft nennen.“

Diese warme Sprache der Oberhirten hat das katholische Volk in allen Teilen der Welt wohl verstanden, hat die Andacht mit Freuden aufgenommen, und diese Freude mehrfach in glänzender Weise bekundet, und übt sie auch eifrigst zu großem Segen für Zeit und Ewigkeit.

Diese Popularität der Andacht bringt es mit sich, dass der Seelsorger öfter über das göttliche Herz Jesu zum Volk sprechen, es über den Gegenstand, die Übungen und Vorteile der Andacht unterrichten muss. Da ist aber wiederholt schon die Klage erhoben worden, es sei so schwer über das Herz des Herrn zu predigen. Und diese Schwierigkeit hält manchen Priester, der sonst guten und ernsten Willen hat, von solchen Predigten ab.

Deswegen wurde ich schon mehrfach und von verschiedenen Seiten angegangen, doch einige Winke zu erteilen, wie man sich die Abfassung von Herz-Jesu-Predigten erleichtern könne. Man hat gemeint, da ich schon so manches über diese Andacht geschrieben habe, würde es mir nicht so schwer sein, diesem Wunsche nachzukommen.

Erst nach jahrelangem Zögern und nicht ohne Zagen habe ich mich im Vertrauen auf Gottes Beistand und die gütige Nachsicht der geistlichen Mitbrüder an diese Arbeit gemacht, um obwaltende Schwierigkeiten beheben zu helfen. Eine wissenschaftliche Abhandlung über die Herz-Jesu-Andacht wird man im Voraus nicht erwarten; es sollen eben nur Winke für den Prediger sein zum leichteren Verständnis des Gegenstandes, der Übungen und Früchte der Andacht und für die richtige Behandlung derselben in homiletischen Vorträgen. Auch die beigegebenen Themen und eingestreuten Skizzen sollen nur Winke sein, welche auf die Reichhaltigkeit des Stoffes für solche Vorträge hinweisen sollen.

Abgesehen von diesem nächsten und besonderen Zweck der Schrift für den Prediger möchte sie auch dazu beitragen, den Priester anzuregen sich für seine eigene Person mit der Andacht vertraut zu machen, sich in sie hineinzuleben, und durch treue Übung derselben sich ihrer heilsamen Wirkungen zu versichern. In dem herrlichen Werk „Der katholische Priester“ schreibt Stiftsprobst Dr. Walter:

„Der Priester hat dasselbe hohe Ziel zu verfolgen, wie sein Meister; er muss sich selbst für die Seelen hingeben, wie der gute Hirt, und das insoweit, dass er auch sein Leben für die ihm anvertrauten Schäflein, zu opfern bereit sein soll. Wie notwendig ist es daher, dass der Priester recht oft die großmütige, opferwillige, standhafte Liebe des göttlichen Herzens vor Augen habe, um zu einer solchen Liebe sich zu erschwingen! — Zudem lebt auch er in einer Welt, die von Elend und Not, von Jammer und Schmerz, namentlich vom Unglück der Sünde überladen ist. Welch erbarmungsvolle Liebe mag er da aus dem Herzen Jesu schöpfen, um stets im Erbarmen unerschöpflich zu sein! — Dieselbe Welt ist aber hinwieder so undankbar, so feindselig, so boshaft, dass sie das Gute, welches man ihr antut, nicht selten erst noch mit Undank, Verachtung, Verfolgung zurückzahlt, gerade so, wie sie es dem göttlichen Heilande gemacht hat. Da reicht dann eine Liebe wie sie das Menschenherz kennt und birgt, keineswegs mehr aus. Da muss man sich ganz und gar mit jener uneigennützigen, alles erduldenden, alles überwindenden Liebe des hochheiligen Herzens vereinigen, um noch in der Liebe standhaft zu bleiben, und mit verletztem, gekränktem Herzen noch zu lieben.“

Mögen denn diese Winke zu Funken werden, welche in den Herzen der hochwürdigen Mitbrüder die Liebe und Verehrung des göttlichen Herzens immer wieder entfachen, damit dann auch das Volk sich an ihrem Herzen erwärme, und allüberall jenes Feuer auflodert, welches der Herr auf die Erde zusenden gekommen und von welchem sein Herz so sehnlichst wünscht, dass es angezündet werde.

 

Quelle: „Winke, Themen und Skizzen für Herz-Jesu-Predigten“ von P. Franz Ser. Hattler S.J., Vorwort
Druck und Verlag von Felizian Rauch, Innsbruck, 1904