Der Heilige Joseph

Wer im Anhang vom Schott die Josephslitanei aufschlägt, der sieht, daß die Kirche, die sonst sehr sparsam mit ihrer Anerkennung ist, den heiligen Joseph mit den höchsten Lobeserhebungen geradezu überhäuft. Da wird von ihm als dem erlauchten Spross Davids gesprochen, Bräutigam der Gottesmutter wird er genannt, keuscher Beschützer der Jungfrau, Nährvater des Sohnes Gottes, Haupt der Heiligen Familie, Vorbild der Arbeiter, Zierde des häuslichen Lebens, Patron der Sterbenden, Schutzherr der heiligen Kirche und so weiter. Was sind das doch hohe Titel, Ehren und Ämter! Sankt Joseph gehört also zu den ganz Großen im Himmelreich, und dabei war sein Leben einfach und schlicht und voll Sorge und Arbeit!

Hat denn der heilige Joseph auch Sorge gekannt? Das mag man wohl glauben, daß er die Sorge gekannt hat, denn sonst wäre er sicher kein Heiliger, weil Not und Sorge noch stets das Zeichen der göttlichen Liebe waren.

Aus dem stillen Leben zu Nazareth muß Joseph mit Maria mitten im Winter den weiten Weg nach Bethlehem machen. Bei sinkender Nacht kommen die beiden an. Joseph klopft an eine Tür. Niemand öffnet ihm. Beim zweiten Haus tut sich nur das Fenster auf. Abweisende Worte bekommt der Bittsteller zu hören. Wieder ein Haus weiter sperrt man ihm zwar aus, schließt aber auch gleich wieder, denn armen Leuten schlägt man gern die Tür vor der Nase zu. So kommt für den heiligen Joseph das große Leid, daß der Erlöser in einem Stall geboren werden musste.

Bald darauf muß Joseph um des Kindes willen mitten in der Nacht außer Landes flüchten. Der Weg ist weit. Des Königs Häscher sind ihm auf den Fersen. Werkstatt und Kundschaft, Arbeit und Brot, alles muß er im Stich lassen und muß in einem fremden Land unter fremden Menschen mit fremder Sprache und fremden Glauben neu beginnen und sich mühevoll durchschlagen, und kaum hatte Joseph in Ägypten festen Fuß gefaßt, da rief ihn Gottes Befehl zurück, und wieder musste er Werkstatt und Kundschaft, Arbeit und Brot im Stich lassen, um in Nazareth noch einmal von vorn zu beginnen.

Zu der Last der Sorge gesellte sich im Leben des heiligen Joseph wie ein Zwilligskind zum anderen die Last lebenslänglicher harter Arbeit. Komm mit in die Zimmermannswerkstatt zu Nazareth! Holz und Späne, Hobel und Hobelbank, Hammer und Säge, Winkelmaß und Leimtopf und mitten darin Sankt Joseph. Zwar stammt er aus Davids königlichem Geschlecht, gehört dem höchsten Adel des Landes an, ist ein großer Heiliger, ist der Gemahl der Gottesmutter und der Mährvater des lieben Heilandes, aber das ändert nichts an der Tatsache, daß er alle Tage vom ersten Morgenrot bis zu letzten Sonnenstrahl arbeiten muß, um das Tägliche Brot für die Familie zu verdienen. Dreckig ist der Arbeitskittel, schwielig die Faust, und der Rücken beugt sich mit den Jahren immer mehr nach der Stellung, die er beim Hobeln einnimmt. So füllt Joseph den Posten aus, auf den ihn Gott gestellt hat, bis zu seinem letzten Tag und seligen Tod in den Armen Jesu und Mariä. Da hat Gott den Guten Knecht, der über weniges getreu war, über Großes gesetzt.

Selig also derjenige, dem, wie dem heiligen Joseph, Sorge und Arbeit zum Anteil geworden sind; denn Sorge und Arbeit sind wie zwei schnelle Pferde, die den Lebenswagen auf sichere Straße in den Himmel fahren.

 

Quelle: Kinder- und Hauslegende – Die Heiligen im Messbuch der Kirche – Verlag Herder – Freiburg im Breisgau