Der heilige Johannes Bosco

Mitten über den Hof marschiert eine lange Kette singender Buben, dreihundert an der Zahl. An der Spitze marschiert ein Priester, alles, was er vormacht, machen die Buben nach. Das Bloße Marschieren, rechtsherum, linksherum und rudherum, ist kein Kunststück, das kann jeder. Schwieriger wird die Sache, wie jetzt der Anführer äußerst elegant erst rechtsbeinig und dann linksbeinig rund um den Platz hüpft. Das sieht sehr drollig aus, und dann bleibt der Priester plötzlich stehen und beugt den Körper weit nach hinten, weiter, noch weiter, man hört die Knochen förmlich knacken, bis der Kopf schließlich den Boden berührt. Von seligem Staunen quellen die Buben die Augen über, und gleich wollen zehn oder zwanzig das Kunststück nachahmen, doch da gibt es Purzelbäume ohne Zahl und Lachen ohne Ende.

Johannes Bosco – so heißt der prächtige Sportsmann im Priesterkleid – kann indessen noch mehr, noch viel mehr, er kann einfach alles, was ein Bubenherz erfreut; denn er kann Scheiben werfen und Stabspringen wie das beste As. Zwischen Zeige- und Mittelfinger knackt er dir – mach ihm das einmal nach – Haselnüsse auf. Dann hebt er mit dem kleinen Finger und dem Zeigefinger, beide natürlich frei stehend – auch das muß man ausprobieren – eine Münze vom Boden auf. Dieser Priester kann sogar seiltanzen und Feuer schlucken. Er nimmt dir einen Apfel aus der Tasche, ohne daß du es merkst. Er kann Eier vermehren und Wasser in Wein verwandeln, er verschluckt Geldstücke und zieht sie dir gleich darauf aus der Nase, und wenn er eine Prise nimmt, braucht er nicht zu niesen. Welch eine Kraft und Kunst!

Weil Johannes Bosco das alles kann und noch viel mehr, deshalb ist er Held der Halbwüchsigen, die mit schwärmerischer Bubenliebe an ihm hängen, die ihm einmal, als er zu einer Zeit, da es noch keine Eisenbahnen gab, von eine Reise heimkehrte, sechzig Kilometer weit zu Fuß entgegenliefen, um ihn abzuholen.

Was für Leute waren denn Boscos Buben?

Boscos Buben waren die übelbeleumundeten Straßenjungen Turins, die, bevor er sie sich annahm, bettelnd und nichtstuerisch in zerlumpten Kleidern durch die Stadt zogen, unter Brückenpfeilern die Nacht verbrachten, wie die Elstern stahlen, sich gegenseitig um einen Bettelpfennig blutig schlugen, früh schon den Dolch handhabten, schmutzige Reden führten, den Vorübergehenden wüste Ausdrücke nachriefen und in der Mehrzahl mit zwanzig Jahren bereits hinter den eisernen Stäben saßen. Das waren Boscos Buben, und es ist sein Verdienst, daß er sich dieser Ärmsten unter den Armen angenommen und aus den werdenden Verbrechern gesittete Menschen gemacht hat.

Man muss nämlich wissen, daß sich der Priester Johannes Bosco nicht damit begnügte, den Straßenjungen bloß verblüffende Zauberstückchen vorzuführen. Das alles war ihm Nebensache, denn zuallererst ging es ihm darum, aus den Burschen gute Männer und echte Christen heranzubilden. Deshalb baute er für die verwahrloste Straßenjugend zunächst in Turin und später in einer Unzahl von Großstädten rund um die Welt heim an Heim mit eigenen Grund- und Berufsschulen, mit Handwerkerbildungsstätten, Waisenhäusern und Fürsorgeanstalten, im ganzen zweihundert Heime, in denen bei seinem Tod im Jahre 1888 über zweihunderttausend Menschen ohne Zwang und körperliche Züchtigung, in Milde und Güte in Freiheit und Freude zu tüchtigen Menschen erzogen wurden. Und damit das weltumspannende Werk der Liebe nach seinem Tod nicht untergehe, stiftete Bosco die Ordensgesellschaft der Salesianer, die heute noch zum Segen von ungezählten Jungmännern fortführt, was ihr Meister herrlich begann.

Der heilige Priester Johannes Bosco, den man treffend den Bubenkönig nennt, hat Millionen von jungen Menschen vor Verderben und Untergang bewahrt, hat wie ein Vater für sie gesorgt und hat ihnen geholfen, ein christliches Leben in Ehren zu führen.

 

Quelle:Kinder und Hauslegende – Die Heiligen im Messbuch der Kirche – P. Riobert Quardt SCJ – Verlag Herder – Freiburg im Breisgau