Der Gott des Menschlichen Herzens

Bei Versuchungen müssen wir sehr mutig sein und dürfen uns niemals geschlagen geben (d.h. für schuldig halten), solange uns diese Versuchungen missfallen, denn wir müssen gut auf den Unterschied achten, der zwischen fühlen und zustimmen besteht. Man kann Versuchungen wahrnehmen, obwohl sie uns missfallen, aber man kann ihnen nicht zustimmen, ohne dass sie uns gefallen, denn gewöhnlich ist das Gefallen der Zugang zur Zustimmung … Die Seele ist nicht immer imstande, die Versuchung nicht zu empfinden, aber es steht immer in ihrer Macht, nicht zuzustimmen; deshalb kann selbst eine schwere und langandauernde Versuchung uns nicht schaden, solange wir sie ablehnen.

Wir haben aber zwei Bereiche in unserer Seele, einen niederen und einen höheren, und der niedere folgt nicht immer dem höheren, sondern geht seine eigenen Wege; dadurch geschieht es manchmal, dass der niedere Bereich der Seele an der Versuchung gefallen findet, ohne Zustimmung, ja gegen den Willen des oberen Bereichs – das ist de Zwiespalt und der Kampf, den der Apostel Paulus beschreibt, wenn er sagt, das Fleisch (die Natur) begehre auf gegen den Geist …  Wenn man in einem großen Kohlenbecken, dessen Feuer von Asche bedeckt ist, nach zehn oder zwölf Stunden noch Feuer sucht, findet man nur noch ganz wenig und mit Mühe in der Mitte des Rostes; dennoch ist dies Feuer da, sonst könnte man es ja nicht finden, und man kann mit ihm die ganze schon erloschene Kohle neu entfachen. Genauso verhält es sich mit der Liebe, unserem geistigen Leben, während großer und heftiger Versuchungen. Die Versuchung bedeckt, so scheint es, die ganze Seele mit Asche, indem sie ihre Lust im niederen Bereich ausbreitet, und lässt die Gottesliebe zu nahezu nichts vergehen, so dass sie nirgendwo mehr in Erscheinung tritt außer mitten im Herzen, im tiefsten Grund des Geistes, ja, es scheint, als wäre sie auch da nicht mehr vorhanden, und man hat Mühe, sie zu finden. Und doch ist die Gottesliebe in Wahrheit da, denn obwohl alles in unserer Seele und in unserem Körper verwirrt ist, sind wir doch entschlossen, weder der Sünde noch der Versuchung nachzugehen…, und so wird deutlich, dass die Freude an der Versuchung nicht vom Willen herkommt, — wenn dem aber so ist, kann sie nicht Sünde sein.

 

Quelle:Texte zum Nachdenken – Franz von Sales – Feuer und Tau – Führung der Seele – Ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Ingeborg Klimmer – Herderbücherei – Verlag Herder, Freiburg im Breisgau