Der Auftrag des Geistes an Europa

An jenem denkwürdigen Pfingstfest der Juden, an dem der Heilige Geist über die Apostel und Jünger herabkam, waren unter den Völkervertretern, die die vom Geist erfüllten in ihrer Muttersprache reden hörten, nur wenige Europäer. Erwähnt werden von der Apostelgeschichte nur zugezogene Leute aus Rom und von der Insel Kreta. Alle anderen kamen aus Vorderasien und von der Mittelmeerküste Afrikas.  Die Stunde Europas schlägt in dem Bericht der Heiligen Stadt erst, als Paulus und Timotheus, von inneren Einsprechungen des Geistes getrieben, sich von Kleinasien abwandten und der geheimnisvollen Einladung eines Mazedoniers folgten, der dem Apostel im Traum erschien und ihn aufforderte: „Komm nach Mazedonien und hilf uns!“ Paulus und seine Gefährten suchten sofort ein Schiff nach Mazedonien, denn sie „schlossen daraus, daß Gott (sie) rufen wollte, jenen die Frohbotschaft zu bringen“ (Apg. 16, 10). So setzten sie ihren Fuß auf europäischen Boden. Eine große geschichtliche Stunde, denn mit ihr begann der christliche Auftrag Europas!

Der schlichte Bericht der Apostelgeschichte ist ganz erfüllt von dem Bewußtsein der Geistessendung, die auch nach Pfingsten in dem jungen Gottesreich ihre Wirkungen hervorbrachte. Wenn die Zeichen heute auch nicht mehr so deutlich und klar sein sollten, so müssen wir doch annehmen, daß in der Geschichte der Kirche immer der Geist die entscheidenden Weisungen gibt.  Die christliche Botschaft ist nicht an ein national begrenztes Gebiet gebunden, und sie hat öfters die Grenzen von Kulturlandschaften und Erdteilen übersprungen. Wenn auch der abendländische Kontinent das Erbgut der Griechen, Römer, Germanen und Westslawen in den Schoß der Kirche eingebracht und unverwischbare Linien in das Buch der Heilsgeschichte eingetragen hat; so steht doch nirgendwo geschrieben, daß nicht einmal auch zu Europa die Worte gesprochen werden, die der Geist in der Geheimen Offenbarung an die Gemeinde von Ephesus richtet: „Du hast deine erste Liebe verloren! . . . Kehre um und tue deine ersten Werke wieder! Sonst werde ich über dich kommen, und, wenn du nicht umkehrst, deinen Leuchter von seiner Stelle rücken“  (Geh. Offb. 2,4 und 5).

Man kann in der Geschichte Europas mehrere Epochen feststellen, in denen der christliche Auftrag unter höchster Bedrohung von innen und außen stand, in denen aber jeweils eine innere Erneuerung im Glauben die Gefahr wenden konnte. Europa behielt seine Führungsstelle in der Christenheit, auch als andere Erdteile die Botschaft Christi aufnahmen. Nicht zu übersehen ist aber auch die Tatsache, daß blühende Christengemeinden in Asien und Afrika dem Untergang verfielen. Nicht immer war das Christentum so eindeutig europäisch geprägt, wie das bis heute der Fall ist. Alle Erfahrungen der Geschichte gehen dahin, daß der Geist Gottes sich nicht bindet, sondern dort weht, wo Er will.

Pessimisten haben ebenso wie den Untergang des Abendlandes, so auch das Ende der christlichen Epoche Europas prophezeit. Das Schwinden des Christentums würde aber auch die Vernichtung Europas bedeuten. Bisher haben alle Völker, die ihren Glauben preisgegeben haben, auch ihre nationale Existenz verloren. Es ist kaum anzunehmen, daß die europäischen Völker ein anderes Schicksal hätten.

Es sind verschiedene Anzeichen vorhanden, daß diese Kassandrarufe wohl nicht eintreffen werden. Gerade im europäischen Kulturkreis gibt es einige christliche Erneuerungen, von denen man auch in der Zukunft trotz aller äußeren Bedrohungen noch einiges erwarten kann. Europa hat eigentlich immer gerade in der Bedrängnis vom Osten her seine großen Stunden erlebt. In seiner Geschichte gab es niemals Zeiten ohne Gefährdung. Vielleicht hat gerade dieser Umstand seine ungeheure geistige Produktivität hervorgerufen und Versteinerungen verhindert. Auch heute dürfte es kaum anders sein. Trotzdem hat sich etwas grundlegend geändert: Europa besitzt keine Führungsstelle mehr. Auch in der Kirche wird sich in zunehmendem Maß bemerkbar machen.

Amerika, das noch vor wenigen Jahrzehnten missionarisches Zuschussgebiet war, ist heute der stärkste Aktivposten in der Glaubenspropaganda. Und die asiatischen und afrikanischen Missionsgebiete werden nicht nur stärker sich selbst verwalten, sondern auch im Gesamt der Kirche mitsprechen. Schwarze, braune und gelbe Kardinäle werden keine Seltenheit mehr sein. Ebenso ist nirgendwo festgelegt, daß der Papst immer eine weiße Hautfarbe besitzen muß.

Was wird für Europa bleiben? Seine Geschichte ist gekennzeichnet durch den steten Triumph des Geistes über die Materie. Der kleinste Erdteil war immer der David, der den Goliath besiegte. Heute liefert Europa an die entwicklungsbedürftigen Länder der Erde die Produkte seiner Technik. Um seiner materiellen Güter willen ruft man nach dem Weißen Mann. Aber auch die technische Zivilisation ist eine Frucht des europäischen Geistes. Die Gefahr besteht, daß Asien und Afrika die Materie übernehmen, aber dem Geist verschlossen bleiben. Das aber bedeutet Kommunismus. Wenn Europa der Welt noch etwas zu geben haben soll, dann darf es sich nicht auf das Materielle beschränken.

Der Primat des Geistes über die Materie kommt aber letztlich aus dem Glauben an den Heiligen Geist. Darum ist es für Europa und die Welt von solcher Bedeutung, daß das Pfingstfest nicht zu einem bloßen Ausflugsfest herabsinkt. Die Botschaft des Gottesgeistes ist auch heute noch von höchster Aktualität. Würde Europa sie nicht mehr hören und darum auch nicht mehr vermitteln können, dann wäre tatsächlich nicht nur seine Führungsstellung, sondern eine geschichtliche Sendung für immer verspielt.

 

Quelle: Im Spiegel der zeit – Walther Kampe – Verlag Josef Knecht – Frankfurt am Main