Das Leben und der Tod

 Der November ist in unserem Bewußtsein mehr und mehr zum Totenmonat geworden. Seine Stellung am Ende des Jahres, das Absterben der Vegetation, der beginnende Verwesungsprozeß des

ehemals Lebendigen in der Natur prädestinieren ihn dazu. Die Gedenktage dieses Monats weisen auf den Tod hin: Allerseelen am Beginn, der Volkstrauertag und der Toten- oder Ewigkeitssonntag der Evangelischen Kirche, der ja auch für uns der letzte Sonntag im Kirchenjahr ist mit dem Evangelium vom letzten Gericht. Wie in der Natur die Nebel steigen, so scheint sich auch die sonst so sonnenfreudige Liturgie zu verdüstern. Die letzten Dinge stehen vor dem Blick, der in eine noch verhüllte Zukunft gerichtet ist.

Es ist gut so, daß wir die Toten und des Todes gedenken.

Unsere Zeit hat ja eine merkwürdige Scheu vor den Gedanken an das Ende unseres irdischen Daseins. Unsere Kranken sterben unbemerkt in einer abseitigen Totenkammer der Krankenhäuser, und unsere Friedhöfe liegen weit weg vor unseren großen Städten.

Selten, daß man einem Totenwagen oder einem Leichenbegräbnis begegnet. Muß man schon zu einer Beerdigung, so ist man froh, wenn das überstanden ist. Die städtischen Friedhöfe verbergen schamvoll die Gräber, die sie enthalten, sie geben sich den Anschein von großen, friedlichen Parkanlagen. Das alles entspricht der Bewußtseinslage des modernen Menschen. Er möchte sich vermachen, daß das Leben ein ständiger Fortschritt sei. Er will nicht zur Kenntnis nehmen, daß er selbst von der Höhe seines Lebens absteigen muß in ein dunkles Tal. So entstehen die seelischen Krisen im besten Mannes- und Frauenalter, die Psychosen, die nervlichen Zusammenbrüche, die Managerkrankheiten, wenn der Mensch auf der Mittagshöhe seines Daseins sich weigert, dem Tod ins Angesicht zu schauen. Die Natur besteht aber darauf, daß wir in der Wahrheit und nicht in der Selbsttäuschung leben. Es ist ein Trugbild, wenn man den Menschen nur in unveränderlicher Jugendfrische sehen will. Unsere ganze Reklame, das Make-up der kosmetischen Maskenbildnerei, die Leitbilder des Films und des Sports pflegen ein biologisches Menschenbild, das nur die eine Seite des Menschen – und noch nicht einmal seine wertvollste und wesentlichste – zeigt. Aber dieser Selbstbetrug wird notwendig von der Natur grausam entlarvt, und dann steht der Mensch hilflos, ratlos, gnadenlos der anderen Seite des Lebens gegenüber, die zum Sonnenuntergang führt.

Das ist nicht immer so gewesen. Es gab Zeiten, in denen der Mensch ständig und intensiv in der Nachbarschaft der Toten lebte. Der primitive Mensch versuchte schon, die Leichname zu konservieren, und barg sie bei sich in seiner Höhle, in der er hauste. Das Sterben geschah inmitten der Familie und im Beisein der Nachbarschaft. Die Toten wurden auf dem „Kirchhof“ bestattet, in der Nähe des Altars und des ewigen Lichtes. Nach jedem Gottesdienst beteten die Nachkommen an den Gräbern. Der Barock schilderte mit einer gewissen Wollust den Tod als Sensenmann, das Mittelalter liebte die Totentänze. Das Christentum stellte den toten Mann am Kreuz an den Straßen und Wegkreuzungen auf. Man lebte auf den Tod hin und machte sich mit ihm vertraut.

Natürlich hat diese unterschiedliche Haltung etwas mit Glauben und Unglauben zu tun. Der ungläubige Mensch leugnet zwar Gott, aber er kann den Tod nicht bestreiten. Da aber das Sterben nicht in sein Weltbild passt, das ja einzig und allein auf das Diesseits gerichtet ist, und als er andererseits seine Unendlichkeitssehnsucht nicht überwinden kann, täuscht er sich vor, als ob es den Tod nicht gäbe. Der atheistische Versorgungsstaat der Zukunft wird den alternden Menschen von den Arbeitsfähigen trennen. Man wird ihn nicht auf die barbarische Weise beseitigen, mit der sich die Nazis der Juden und der Irren entledigt haben. Nein, man wird die alten Leute in „Häuser des Glücks“ versetzen, wie es das rote China tut, die in blühenden Gärten liegen und mit allem Komfort versehen sind, und zur rechten Zeit wird ihnen der Arzt eine kleine Spritze verpassen, angeblich gegen Schnupfen oder Husten, so daß sie unvermerkt und schmerzlos hinübergehen. Die Beerdigung findet „in aller Stille“ statt, oder man wirft die Asche in den Wind oder in das Meer. Viele werden sich das gern gefallen lassen, ohne zu merken, daß sie um das Beste ihres Lebens betrogen werden. Es gibt kein Glück für den Menschen ohne Liebe, und der Komfort kann die Familie nicht ersetzen. Auch der Tod ist nicht das Endes, sondern die Erfüllung des Daseins, und das Sterben ist nicht nur ein Erleiden, sondern die höchste und wichtigste Tat des Lebens.

Hierzu allerdings gehört der Glaube an das ewige Leben, an die Unzerstörbarkeit des geistigen Personenkerns und an die Auferstehung des Fleisches. Dann wird die zweite Lebenshälfte des Menschen zu einem Aufstieg der geistigen Lebenslinie, wenn auch der Leib dem Zerfall entgegengeht, und die Endstrecke des irdischen Daseins zur Entscheidungsphase über das Gesamtgeschick der Person in Diesseits und Jenseits. Das sollen wir beachten, wenn wir der Toten oder auch des eigenen Todes gedenken. Es gibt Allerseelen nur deswegen, weil es Allerheiligen gibt. Der Volkstrauertag soll kein sentimentales Klagen um die Gefallenen, sondern ein Erinnern an ihr lebendiges Vermächtnis sein. Und der Bericht vom jüngsten Tag steht nicht nur im Evangelium des letzten, sondern auch des ersten Sonntags im Kirchenjahr. Wenn im November die toten Blätter verwesen, werden sie zum Humus für die junge Frucht, die Still in der Erde ruht und auf ihre Auferstehung wartet.

Quelle: Im Spiegel der Zeit – Walther Kampe – Verlag Josef Knecht – Frankfurt am Main. 1. November 1959, S.229ff.