Das Kreuz gibt Kraft

Ist es nicht ein Widerspruch, daß unsere Generation, die zum Teil noch aus den Schrecken des großen Krieges kommt und der man täglich in den Massenmedien eine Szenerie vorsetzt, die alle Greueltaten unserer Tage bis in den letzten Einzelheiten genüsslich in der Zeitung liest und täglich von unzähligen Tragödien in den vielen GULAGs unserer gepriesenen Epoche hört, nicht mehr den Blick auf das Kreuz aushält?
 
In den Treibhäusern der Wohlstandsgesellschaft verweichlicht, von den Einpeitschern des leichten Lebens wie des Erfolgszwange getrieben und dann im Stich gelassen, zerbrechen Junge wie Alte an der Sinnlosigkeit des Lebens wie an den Anforderungen des Alltags.
Es würde mancher tapferer sein, wenn er öfter und tiefer zum Kreuz aufblickte. Das Kreuz gibt Hoffnung und Zuversicht, das Kreuz gibt Kraft und Leben. „Kann sich ein Mensch über etwas beklagen, wenn er Christus sieht, hängend am Kreuz, bedeckt mit Wunden?“ (Hl. Klara). Wer gläubig zum Gekreuzigten aufblickt und demütig bittet: „Leiden Christi, stärke mich!“ wird in seinen Mühsalen nicht nur getröstet werden, er wird auch Kraft empfangen, das Kreuz seines Lebens zu tragen.
 
Auf Erden gibt es kein Leben ohne Kreuz – weil es ohne Kreuz keinen Himmel und keine Herrlichkeit gibt. „Die Leiden und das Kreuz des eigenen Lebens bilden so zu sagen eine feine Membrane, durch welche die Kraft des Leidens Christi zu Schwingungen unseres eigenen Lebens umgesetzt wird“, sagte Professor Leo Scheffczyk auf den letzten Eucharistischen Weltkongress in Lourdes. Unser eigenes Leid sei dann wie eine Hohlform oder wie eine Matrize, in die das Leid Christi ganz konkret und erfahrbar eingehe. Indem Christus die eigene leidvolle Form seines Lebens anbietet, kann im Menschen ein lebendiger Abdruck des Lebens Christi erstehen. So erfüllt sich das Wort des Apostels: „Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gl 2, 19f) – ein Wort, das schon die Märtyrer der Urkirche sinngemäß gedeutet haben in „Nicht mehr ich leide, sondern Christus leidet in mir“. Der auferstandene und erhöhte Herr, der nicht mehr leiden kann, leidet in den Seinen weiter bis zum Ende der Zeit.
 
Das soll nicht heißen, daß Leiden nicht schmerzlich ist, wohl aber, daß es nicht sinnlos, sondern höchst verdienstlich ist, wenn wir in Vereinigung mit dem leidenden Herrn leiden. „Alles Leid hat einen doppelten Zweck“, schreibt Ignaz Klug. „Entweder ist es ein Ruf Gottes, der sagt: ‚Mensch, deine Wege sind gar nicht gut – kehre um.‘ Oder das Leiden ist ein Gruß Gottes, der Spricht: ‚Ich will dich vollkommener machen als du bist!’“ – Johannes Paul II. wusste die Zeit seines Leidens, in der er nach dem schrecklichen Attentat drei Monate zur „Gemeinschaft der Kranken“ der Gemelli-Klinik gehörte, zu schätzen. Er sagte ihnen zum Abschied: „Sie haben in der Kirche, im mystischen Leib Christi, eine besondere Aufgabe zu erfüllen. Man kann vor allem von Ihnen sagen, daß Sie – nach den Worten des hl. Paulus – an ihrem Fleisch ergänzen, was an den Leiden Christi noch fehlt (vgl. Kol 1, 24). Während dieser Monate durfte ich diese Aufgabe im Organismus der Kirche mit Ihnen teilen.“

Quelle: Erlöst in Blut und Wunden – Dr. Franz Burger – Lins-V