Das Gebet erniedrigt nicht, sondern erhöht

Christus der Herr, hat
jedoch nirgends versprochen, uns auf dieser Welt unter allen Umständen
glücklich zu machen. Er hat uns versprochen – so lesen wir im Evangelium – uns
zu erhören wie der Vater seinen Sohn, dem er, selbst wenn er darum bäte, nicht
einen Stein, eine Schlange oder einen Skorpion zur Speise geben wird, sondern
Brot, Fisch oder Ei, womit er sich nähren und wodurch er weiter leben und
wachsen wird. Was Jesus, unser Erlöser, uns als Frucht unserer Gebete sicher zu
gewähren versprochen hat, sind nicht die Gunstbezeigungen, die die Menschen oft
in Unkenntnis dessen erbitten, was ihrem Heil wirklich zuträglich ist, sondern
jener „gute Geist“, jenes Brot der übernatürlichen Gaben, die für unsere Seelen
notwendig und voll nutzen sind, jener Fisch, den er bereitet hat und den der
auferstandene Heiland als sein künftiges Sinnbild an den Ufern des Sees von
Tiberias den Aposteln als Speise darbot; jenes Ei, Nahrung für die Kleinen in
der Andacht und Frömmigkeit, das die Menschen oft nicht unterscheiden von den
Steinen, die dem ewigen Heil so sehr schaden und die ihnen Satan, der Versuche
anbietet…

Das Gebet soll also ein
Bitten um das sein, was für unsere Seele gut ist, ein inständiges Bitten darum,
aber auch ein frommes Bitten.
Das fromme Gebet! Es ist nicht das Gebet des bloßen Klangs
von Worten, bei dem Geist und Herz und Auge umherschweifen, sondern ist
gesammeltes Beten, das vor Gott mit kindlichen Vertrauen beseelt, das
erleuchtet ist mit lebendigen Glauben, durchtränkt mit Liebe zu Gott, zu den
Brüdern und Schwestern. Es ist Gebet, das in der Gnade Gottes verrichtet wird,
immer verdienstvoll fürs ewige Leben, immer demütig gerade in seinen Vertrauen;
es ist Gebet, das, wenn ihr vor den Altären oder dem Bild des Gekreuzigten und
der Allerheiligsten Jungfrau in eurem Hause niederkniet, nicht den Hochmut de
Pharisäers kennt, der sich für besser hält als die anderen Menschen, sondern
das euch, dem armen Zöllner gleich, in eurem Herzen fühlen lässt, daß alles,
was ihr empfangen werdet, Barmherzigkeit Gottes gegen euch ist . . .
Das Gebet ist also ein Gut des Menschen: es verdemütigt und
erniedrigt nicht, es erhöht vielmehr und macht groß. Die besten Künstler, die
Meister der bildlichen Psychologie, haben nichts geschaffen, was da Gemüt
machtvoller ergreift als die Darstellung des Menschen im Gebet. In jener
Haltung des Betenden offenbart er seinen höchsten Adel. So daß man treffend
behauptet hat, daß „der Mensch nur groß ist, wenn er kniet“.
Pius
XII. – Aus der Ansprache in der Allgemeinen Audienz, 2. Juli 1941