Das Buch der Heiligen

Die Heiligen wussten, daß unsere Hoffnung im Kreuz gründet, sie versenkten sich daher liebend in das Leiden des Herrn. Sie wollten gleich Paulus „nur Jesus kennen, und diesen als den Gekreuzigten“. Hildegard von Bingen schreibt an einen Laien: „Wenn aber deine fleischliche Natur dich anstachelt, dann richte deinen Blick auf das Leiden Christi.“ Magdalena von Pazzi presste oft das Kruzifix innig auf die Brust, küsste es und rief: „O Liebe, Liebe, ich werde nie ablassen, mein Gott, Dich Liebe zu heißen!“ Bernhard von Clairvaux bekannte: „ Der Gipfel meiner Philosophie ist die Kenntnis Christi, und zwar Christi des Gekreuzigten.“ Ähnlich sprach vor ihm schon der heilige Anselm. Thomas von Aquin, wohl der größte Gottesgelehrte aller Zeiten, gesteht demütig: „Das Kruzifix ist mein Lehrer“, und: „In einer Stunde unter dem Kreuz habe ich mehr gelernt als aus allen Büchern.“ Aber auch der schlichte Klosterpförtner Konrad von Parzham bekennt: „Das Kreuz ist mein Buch.“ Vor der „Torheit Gottes“ am Kreuz muß alle menschliche Weisheit verstummen. Die „Wissenschaft der Heiligen“ ist zwar eine verborgene Wissenschaft, aber eine Wissenschaft, die zur Wahrheit führt. Der Heilige Geist selbst führt in sie ein. Der arme Mensch muß sich nur führen lassen und darf nicht gleich wehleidig aufschreien, wenn Gott mit seiner Liebe ernst macht.
 
Um Zugang zum leidenden Herrn zu finden, muß man mit liebenden Herzen seinen Kreuzweg gehen. Die Kreuzwegandacht ist in unseren Tagen leider ebenso in Verfall geraten wie die Liebe zum Gekreuzigten. Man sollte betrachtend den Kreuzweg auch als Einzelbeter gehen. Nirgendwo fällt das Schauen und das persönliche Beten leichter als hier (es sei denn im schmerzhaften Rosenkranz). Es ist aber auch kein Gebet fruchtbarer als die Betrachtung des leidenden Herrn.
 
Anna Katharina Emmerich hatte, wie sie selbst sagt, „von ihrer Kindheit an immer das Leiden Christi im Kopf gehabt“. Der Kreuzweg war ihr Lieblingsweg. Sie ging ihn als Magd nicht nur an Sonn- und Feiertagen, sondern auch oft auch in der Nacht; barfuss eilte sie zum Heiligtum von Sankt Lamberti, wenn der Mondschein schwach die Leidenstationen im Kapellchen erhellte. Sie trat, wie der Hofbauer und sein Knecht mehrmals feststellten, durch das vom Küster mit dem Schlüssel abgeschlossene Tor der Kirche con Coesfeld, kam nach kurzer Zeit wieder heraus und machte sich schnurstracks auf den Weg zum großen Kreuzweg. Als sie mit ihrer Andacht fertig war, ging sie wieder in die Kirche, um den Herrn im allerheiligsten Sakrament anzubeten, dann kehrte sie nach Flamske zurück, oft spät nach Mitternacht, und wenn die Stadttore schon geschlossen waren, kletterte sie über die Stadtmauer und nahm am Morgen ihre Arbeit auf, als wenn sie die ganze Nacht geruht hätte. Dort, beim Coesfelder Kreuz, war es auch, daß sich der Herr mehrmals vom Kreuz zu ihr Herabneigte.

Quelle: Erlöst in Blut und Wunden – Dr. Franz Burger – Lins-Verlag