Betrachtung zu Mariä Himmelfahrt — II.

Der erhabene Thron, auf den sie im Himmel erhoben wurde

Nun gehen wir zur Betrachtung über, wie erhaben jener Thron ist, auf welchen Maria im Himmel erhöht wurde.

„Wenn keines Menschen Verstand“, sagt der heilige Bernhard, „die unermessliche Herrlichkeit zu fassen vermag, welche nach dem heiligen Apostel Gott denen im Himmel bereitet, die Ihn auf Erden lieben, wer wird imstande sein zu begreifen, welche Herrlichkeit seiner Mutter bereitet ist, die Ihn auf Erden mehr geliebt hat, als alle Menschen, ja, Ihn schon im ersten Augenblick ihrer Erschaffung mehr geliebt hat, als alle Menschen und Engel zusammen.“ Darum singt mit Recht die Heilige Kirche, daß sie um diese Liebe willen über die Engel im Himmel erhöht ist: „Erhoben ist die heilige Gottesgebärerin über die Chöre der Engel zu den himmlischen Reichen.“ „Ja, erhöht über die Engel“, sagt Abt Wilhelm, „so daß die Mutter über sich nur ihren Sohn erhoben sieht.“

Darum behauptet der gelehrte Gerson, indem er mit dem englischen Lehrer und dem heiligen Dionysius drei Hierarchien der Engel unterscheidet, daß Maria eine eigene Hierarchie und zwar die höchste über allen und unmittelbar nach Gott selbst für sich ausmache. Und wie nach dem heiligen Antonin die Herrin ohne Vergleich von ihren Dienern sich unterscheidet, so ist die Herrlichkeit Mariens ohne Vergleich größer als die der Engel. Um dieses zu begreifen, genügt zu wissen, was David sagte, daß diese Königin zur Rechten des Sohnes gesetzt worden. „Die Königin steht zu deiner Rechten“, welche Worte der heilige Athanasius als auf Maria sich beziehend erklärt.“ Der heilige Ildephons sagt: „Wie das, was Maria vollbrachte, mit nichts anderem verglichen werden kann, so unbegreiflich ist auch der Lohn und die Herrlichkeit, die sie über alle Heiligen verdient hat.“ Und wenn nach den Worten des heiligen Apostels Gott für gewiss einem jeden nach seinen Werken vergilt, so ist es dem gewiss entsprechend, sagt der heilige Thomas, daß Maria über alle himmlischen Ordnungen erhöht wurde, da sie es mehr als alle zusammen verdiente.“  Mit einem Wort: „So viel Gnade Maria  auf Erden erlangt hat“, sagt der heilige Bernhard, „so große ausgezeichnete Herrlichkeit ist ihr im Himmel zuteil geworden.“

Diese Herrlichkeit ist, nach Erwägung eines gelehrten Autors, eine volle, eine vollendete, zum Unterschied von jener, welche die anderen Heiligen im Himmel haben. Allerdings erfreuen sich alle Seligen im  Himmel eines vollkommenen Friedens und voller Zufriedenheit, dennoch aber ist es wahr, daß keiner von ihnen jene Herrlichkeit genießt, die er hätte verdienen können, wenn er mit noch größerer Treue Gott gedient und Ihn geliebt hätte. Obwohl daher die Heiligen im Himmel nichts weiter begehren, als was sie genießen, so gäbe es doch in Wirklichkeit noch mehr, was sie begehren könnten. Ferner verursachen die begangenen Sünden und die verlorene Zeit der Seligen zwar keine Pein mehr, aber doch ist nicht zu leugnen, daß die Seligkeit um so höher ist, je mehr Gutes im Leben geschehen, je reiner die Unschuld bewahrt, und je besser die Zeit verwendet worden ist. Maria vermisst im Himmel nichts, und es gibt nichts, was sie noch begehren könnte.

„Welcher Heilige des Paradieses“, fragt der heilige Augustinus, „kann außer Maria mit Nein antworten, so er gefragt würde, ob er im Leben eine Sünde begangen?“ Es ist gewiß, daß, nach Erklärung des heiligen Konzils von Trient, Maria keine Sünde, noch die geringste Unvollkommenheit je begangen hat. Sie verlor nie die göttliche Gnade, noch trübte sie dieselbe, noch ließ sie dieselbe unbenützt. Sie vollbrachte keine Handlung, welche nicht verdienstlich gewesen wäre; sie sprach kein Wort, hatte keinen Gedanken, mache keinen Atemzug, ohne nicht dies alles auf die Mehrung der Ehre Gottes zu beziehen. Mit einem Worte, nie ließ sie nach, nie hielt sie inne, jeden Augenblick nach Gott zu streben; nichts ging ihr je durch irgendein Säumnis verloren, so daß sie ohne Unterlass mit allen Kräften der Gnade mitwirkte und Gott liebte, wie sie Ihn nur lieben konnte. „O Herr“, so spricht sie jetzt im Himmel zu Ihm, „wenn ich Dich nicht geliebt habe, wie Du es verdienst, so habe ich Dich doch so geliebt, wie ich gekonnt“.

In den Heiligen sind die Gnaden, wie der heilige Apostel sagt,  nach verschiedener Art verteilt, so daß ein jeder je nach der treuen Mitwirkung mit der empfangenen Gnade einen ausgezeichneten Grad in einer besonderen Tugend erlangt: der eine im Retten der Seelen, der andere im bußfertigen Leben, wieder ein anderer in Erduldung von Leiden, ein anderer endlich in der Beschauung, weshalb die heilige Kirche in der Festfeier von jedem sagt: „Keiner ist ihm gleich erfunden worden.“ Nach ihren Verdiensten ist auch verschieden ihre Herrlichkeit im Himmel, „denn ein Stern ist vom anderen verschieden an Klarheit“.

Die Apostel unterscheiden sich von den Märtyrern, die Bekenner von den Jungfrauen, die Unschuldigen von den Büßern. Die allerseligste Jungfrau, aller Gnaden voll, war erhabener als jeder Heilige in jeder Art von Tugend. Sie war Apostel der Apostel, Königin der Märtyrer, weil sie mehr als alle gelitten; war die Bannerträgerin der Jungfrauen, das Vorbild der Verehelichten, vereinigte in sich die Vollkommenheit der Unschuld mit der Vollkommenheit der Buße, mit einem Wort, ihr Herz besaß alle Tugenden in höchster Vollendung, die je ein Heiliger geübt. Darum ist von ihr gesagt: „Die Königin steht zu deiner Rechten im goldenen Kleid, im bunten Gewand“; denn alle Gnaden, alle Vorzüge, alle Verdienste der anderen Heiligen, alle zusammen finden sich  in Maria, wie der Abt von Celles sagt: „Alle heiligen Vorzüge, alle, o Jungfrau, hast du in dir vereinigt.“

So wie der Glanz der Sonne den Glanz aller Sterne zusammen übertrifft, so übertrifft nach dem heiligen Basilius von Seleukia die Herrlichkeit der göttlichen Mutter jene aller Seligen. Und wie nach dem heiligen Petrus Damianus das Licht der Sterne und des Mondes beim Aufgang der Sonne erlischt, als wären sie nicht, so überstrahlt die Herrlichkeit Mariens den Glanz aller Heiligen und Engel, daß diese im Himmel wie nicht mehr leuchten. Daher behauptet der heilige Bernhard von Siena:  „Die Teilnahme an der Herrlichkeit Gottes ist den übrigen Heiligen nur wie stückweise verliehen, die allerseligste Jungfrau aber ist nach dem heiligen Bernhard, in diesen Abgrund eingedrungen, so daß sie, soweit es der erschaffenen Natur möglich ist, in das unnahbare Licht versenkt erscheint.“ Damit stimmt der selige Albertus Magnus überein, wenn er sagt: „Die selige Anschauung der jungfräulichen Mutter betrachtet die Majestät Gottes unvergleichlich vollkommener als die aller anderen Kreaturen. Und noch weiter sagt der eben genannte heilige Bernhardin: „In ähnlicher Weise, wie die anderen Himmelslichter von der Sonne ihr Licht empfangen, so strömt aus der Herrlichkeit der allerseligsten Jungfrau die Wonne über alle Chöre der Himmelsbewohner“ ; und der heilige Bernhard: „Die Herrlichkeit der zum Himmel aufgestiegenen Jungfrau hat die Seligkeit der Himmelsbürger erhöht.“ Daher sagt der heilige Petrus Damianus, „daß die Seligen nach Gott keine größere Herrlichkeit im Himmel haben, als den Anblick dieser schönsten Königin zu genießen“; ebenso der heilige Bonaventura: „Nächst Gott ist Maria die Ursache unserer größten Herrlichkeit und Wonne.“

Frohlocken wir also mit Maria über den erhabenen Thron, auf welchen Gott sie im Himmel erhöht hat, und beglückwünschen wir uns selbst darüber, denn hat uns auch Maria in ihrer glorreichen Himmelfahrt lieblicherweise verlassen, so doch nicht mit ihrer Liebe, Sie kennt vielmehr, mit Gott nun so innig vereint, noch besser unsere Bedürftigkeit, trägt größeres Mitleiden und kommt uns   wirksamer zu Hilfe. „Oder könnte sie um ihrer Verherrlichung willen unserer Niedrigkeit vergessen?“, fragt der heilige Petrus Damianus.  „Nein“, antwortet er, „ihrem mitleidigsten Herzen ist es nicht möglich, unseres Elendes nicht zu gedenken“, denn, wie der heilige Bonaventura bezeugt, ist jetzt die Barmherzigkeit der Königin des Himmels gegen uns Elende viel größer, als damals, wie sie noch auf Erden pilgerte.

Laßt uns also dem Dienst, der Verehrung und Liebe dieser Königin, so gut wir vermögen, uns weihen, eingedenk der Worte Richard’s von St. Lorenz, daß die Königin Maria uns nicht mit Abgaben drückt, sondern ihre Diener mit Schätzen, mit Gnaden, mit der Fülle  der Verdienste und Belohnungen bereichert. Und flehen wir mit dem Abt Guerricus: „O Mutter der Barmherzigkeit, ersättige dich an der Herrlichkeit deines Sohnes, deinen Kindern aber sende die Brosamen nieder! Du am Tisch des Herrn, wir die Hündlein unter der Tafel!“

 

Quelle: Die Herrlichkeit Mariens – Hl. Alfons Maria von Liguori – Bischof und Kirchenlehrer Stifter des Redemptoristenordens – 1696-1787 – Hrsg.: P. Klemens Kiser – Zu beziehen bei: Priorat St. Athanasius, Stuttgarter Str. 24, 7000 Stuttgart 30