Ausgeglichenheit

Es ist eine der tadelnswertesten Verfassungen der Geschöpfe, unabgetötet zu sein, d.h. wechselnden Laune unterworfen zu sein: bald mißmutig, melancholisch, bald jähzornis, bald zum lachen aufgelegt, bald ernst, bald tadelsüchtig. Dagegen ist es eine unschätzbare Vollkommenheit, eine sanften, ausgeglichenen Charakter zu haben, der eine gute Begegnung bewirkt, gleich zu welcher Stunde und zu welcher Zeit. Es ist wohl wahr, daß fast unmöglich ist, diese Lehre im Trubel dieses sterblichen Lebens immer genau zu befolgen, aber man muß sich wenigstens bemühen, diesen unvergleichlichen Schatz der Ausgeglichenheit zu erwerben, und wenn man merkt, daß man von der Bahn der Gemütsruhe abgekommen ist, muß man sich vor allem der Verpflichtung unterziehen, die Laune und die gegenteilige Handlung zu verbessern, sich vor dem Heiligen Geist demütigen, ihn um seinen Bestand bitten und während der Aufregung wenigstens verhindern, daß sich die Leidenschaft durch die Sprache und durch äußeres Aufbrausen Luft macht. DerGeist des Friedens und der Gemütsruhe, der Milde und der Ausgeglichenheit ist der Geist Gottes und der Erbauung, den ich Ihnen von ganzen Herzen wünsche und der für immer in Ihnen bleiben möge.  –  DA 12,180

So empfindlich sollen wir nicht sein, daß wir immer alle unsere kleinen Beschwerden vortragen: Das bißchen Kopfweh oder Zahnweh. Wolltet ihr das Gott zuliebe aushalten, dann braucht ihr es nicht zu sagen.  –  DA 2,212

 

Quelle: Jeden Tag mit Franz von Sales – (Hg.) Herbert Einklehner – Franz-Sales-Verlag – Eichstätt