Angst vor Enthüllung

Vor einiger Zeit hatte eine ältere Dame zu ihrem runden Geburtstag geladen. Der Pfarrer, der Bürgermeister, eine Gemeinderätin und ein Gemeinderat kamen und gratulierten der Jubilarin. Gemeinsam speisten sie sehr gut, wie es bei solchen Feierlichkeiten üblich ist. Nach einer Weile entschuldigte sich der Pfarrer, er müsse leider schon gehen, weil er im Nachbarort noch Beichte hören sollte. Erstaunt fragte ihn daraufhin die Gemeinderätin: „Was, gibt es da noch Sünder? Ich war seit meiner Hochzeit nicht mehr beichten – vor 25 Jahren…“ Darauf konterte der andere Gemeinderat: „Also ich bin da etwas selbstkritischer. Wenn wir ohne Sünde wären, dann wäre Jesus ja umsonst gestorben.“ Besser hätte auch der Pfarrer nicht antworten können – beruhigt ging er in seinen Beichtstuhl.

Zwei Gründe halten uns für gewöhnlich von der Beichte ab: Zum einen sehen wir unsere eigenen Fehler nicht, die Fehler der anderen dagegen umso besser. In solch einem Fall sollten wir uns ganz einfach fragen, ob wir nicht etwa die gleichen Fehler haben oder vielleicht andere. Den einen stört es, dass Leute spät ins Bett gehen und dabei laut sind – die anderen stört es, dass manche so früh aufstehen und dabei laut trampeln. Das Gebet zum Heiligen Geist ist dabei sehr hilfreich. Er macht uns aufmerksam und achtsam.

Der zweite Grund: wir sehen vor lauter Bäume keinen Wald mehr. Wir sind uns unserer Sündhaftigkeit zwar grundsätzlich bewusst, erkennen aber im Konkreten nicht klar, was richtig und was falsch ist. In diesem Fall erforschen wir am besten nach einem Gebet um Erleuchtung unser Gewissen, so gut es eben möglich ist und gehen dann zur Beichte. Dort sagen wir die Sünden, die uns bewusst geworden sind. Der Beichtvater ist gerne bereit, Fragen zu beantworten und uns behutsam bei der Schärfung des Gewissens zu helfen. Gott sieht wohlwollend unseren guten Willen und hilft uns allmählich, eine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse zu bekommen. Wir werden die interessante Feststellung machen, dass mit jeder Beichte unser Gewissen ein wenig feinfühliger geworden ist.

Jesus ist gekommen die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten. Wenn wir ehrlich sind und unsere Sünden bereuen, verzeiht uns Gott und gibt uns wieder neue Kraft.

Quelle: „Der Angsthase“ „Der Ruf des Königs“, Nr. 64/2017. Hgb, SJM